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Kolumne „Nine to five“ : Eine kleine Typologie der Zuspätkommer

  • -Aktualisiert am

Zu spät? Nicht alle nehmen es damit so genau, wie Audi-Chef Rupert Stadler, hier zu Beginn der diesjährigen Hauptversammlung. Bild: dpa

Manche Menschen kommen einfach immer zu spät. Aber unter den notorischen Zuspätkommern gibt es ganz unterschiedliche Typen. Und nicht allen kann man böse sein!

          Es gibt sie da draußen, die Menschen, die einfach immer zu spät kommen. Selten gibt es dafür einen triftigen Grund, etwa ein krankes Kind, einen Megastau auf der A3 oder eine Stellwerkstörung an der S7, was ja

          jedem mal passieren kann. Meist sind Zuspätkommer chronische Wiederholungstäter, die ihren Mitmenschen immer wieder aufs Neue Lebenszeit stehlen, gerne garniert mit dem Satz: Wer zu früh kommt, ist übrigens auch unpünktlich. Mit diesem lahmen Spruch kaschieren sie allerdings nur den Umstand, schlechte Zeitmanager zu sein, die zu spät aufstehen, zu lange frühstücken oder sich in der Mittagspause fest quatschen.

          Dabei kann man die Zuspätkommer in drei Typen kategorisieren. Da gibt es zunächst jene, die völlig abgehetzt und mit rotem Kopf drei Minuten nach der vereinbarten Zeit in den Konferenzraum stürmen und sich, Entschuldigungen murmelnd, auf ihren Platz schleichen mit der Bitte, einfach fortzufahren und sie nicht weiter zu beachten. Ihnen können die Kollegen meist leicht verzeihen, sieht man ihnen doch an, dass sie sich wenigstens bemüht haben, pünktlich zu sein.

          „O je, ihr habt sine tempore gestartet!“

          Dann sind da jene Zuspätkommer, die zwar erst eine Viertelstunde nach Konferenzbeginn den Raum betreten, dabei aber gerne ihre akademische Bildung öffentlichkeitswirksam mit dem Satz zur Schau stellen: „O je, ihr habt sine tempore gestartet, ich dachte, wir fangen c.t. an.“ Ihnen bedeuten die bereits Anwesenden meist genervt gestikulierend, sich hinzusetzen, ist das Meeting doch schon in vollem Gange und dieser Typus meist auch dem des ewigen Schlaumeiers zuzuordnen, den man schon seit Längerem geflissentlich ignoriert.

          Kaum Verständnis darf jedoch Typ drei des Zuspätkommers erwarten. Er kommt in Minute 20 nach Konferenzbeginn oder später lässig in den Raum geschlendert, meist mit einem Coffee-to-go-Becher bewaffnet. Hier fehlt den Kollegen jegliche Milde, schreit dieser Auftritt doch geradezu: „Seht her, ich hatte eben Wichtigeres zu tun, außerdem ist mir eure Zeit völlig egal, ich hatte noch genug davon, um mir diesen Kaffee zu besorgen.“

          Derlei Attitüden kann sich nur erlauben, wer tatsächlich einigermaßen unverzichtbar ist. Das sind in Zeiten des Fachkräftemangels leider gar nicht wenige. Zum Beispiel der einzige Software-Entwickler im Betrieb, der vernünftig coden kann, oder der Ingenieur der Materialwissenschaften, der gerade teuer von der Konkurrenz abgeworben wurde. Bleibt zu hoffen, dass auch sie eines Tages das Sprichwort beherzigen: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“

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