https://www.faz.net/-gyl-9opj3

„Nine to five“-Kolumne : Abitreffen in vier Akten

So sieht es heute bei mancher Abifeier aus - manches Klassentreffen womöglich auch. Bild: dpa

Wer ein Klassentreffen organisiert, kann schon mal Albträume bekommen und merkt meist schnell: Es ist eine Dramödie in mehreren Akten.

          Die Erinnerung an die Schulzeit kann schlaflose Nächte bereiten. Stehen Menschen im Studium oder Beruf vor Prüfungen oder großen Aufgaben, plagen sie mitunter wiederkehrende Träume. Ein Klassiker laut Betroffenen: noch mal das Abi machen. Im Albtraum laufen die Prüfungen noch fataler als im richtigen Leben. Der Prüfling erscheint ohne Oberbekleidung. Er hat gar nicht oder das Falsche gelernt. Die Lehrer wiederum finden es normal, die Klausur plötzlich auf Mongolisch zu stellen. Solche Sachen.

          Die Erinnerung an die Schulzeit aufzufrischen kann aber ebenfalls Albträume verursachen. Das weiß jeder, der schon mal ein Klassentreffen organisiert hat. Auch wenn er nicht Germanist geworden ist, merkt er schnell: Es ist eine Dramödie in mehreren Akten.

          Akt I – Wahl von Ort und Zeit

          Sobald die erste Mail raus ist, betritt der Chor die Bühne: „Der Weg ist mir viel zu weit!“; „Warum treffen wir uns im Ort A und nicht in Stadt B?“; „Ihr wisst schon, dass da schon Schulferien in \[hier ein beliebiges Bundesland einsetzen\] sind!“; „Warum kostet der Raum so viel? Das war doch vor 20 Jahren noch viel günstiger!“

          Akt II – Auswahl der Verpflegung

          Chor – mal begeistert, mal bestürzt: „Wir grillen? Okay, jeder bringt sein eigenes Fleisch mit, Salate oder Brot brauchen wir eh nicht!“; „Lasst uns doch Food Trucks ordern, das war bei der letzten Betriebsfeier ’ne runde Sache. Kostet bestimmt nicht die Welt!“; „Getränke kann ich morgens noch schnell holen, die werden bestimmt bis zum Nachmittag kalt, auch wenn draußen 35 Grad sind.“; „Warum kostet das bestellte Buffett so viel? Das war doch vor 20 Jahren noch viel günstiger!“

          Akt III – Die Stunden vor Beginn

          Die Organisatoren betreten die Bühne (teilweise sehr panisch): „Die Salate reichen nie im Leben für alle.“; „Von wegen Brotkorb – das ist ein Körbchen!“; „Das ist viel zu wenig Bier, wir kaufen noch schnell einen Notfallkasten. Der wird sicher noch kalt, auch wenn draußen 35 Grad sind.“; „Wie grillt man eigentlich für 50 Leute?“; „Hat einer an die Bluetooth-Box für Musik gedacht?“; „Warum kostet das so viele Nerven? Das war doch vor 20 Jahren noch viel lockerer!“

          Akt IV – Das Happy End

          Alle betreten die Bühne, unterhalten sich den ganzen Nachmittag, tauschen alte Anekdoten und neue Geschichten aus. Sie erzählen, was sie die vergangenen Jahre bewegt hat, was es Schönes und Trauriges gab. Sie lachen zusammen und freuen sich aneinander. Die letzten gehen um 3 Uhr morgens. Die meisten sind sich sicher: Wir treffen uns wieder, nicht erst in zehn Jahren.

          Weitere Themen

          Eine Gradwanderung

          Norwegen : Eine Gradwanderung

          Land der Stunde: In Norwegen kann man den Sommer bei 36, aber auch bei minus 18 Grad verbringen. Stationen einer Reise.

          Topmeldungen

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          CSU-Politiker Markus Söder

          Gesetzesvorstoß : Söder will Negativzinsen verbieten

          Bayerns Ministerpräsident will ein Gesetz in den Bundesrat einbringen, um Bankeinlagen von Normalsparern bis 100.000 Euro vor Strafzinsen zu schützen. Allerdings haben Gerichte bereits juristische Grenzen für Minuszinsen auf Kontoguthaben gezogen.

          Luxusbauten in New York : Ästhetische Abschottung

          Ein Penthouse für 239 Millionen Dollar: Die Wohlhabendsten schauen von immer größeren Höhen auf das Stadtvolk hinab. New York baut jetzt superdünn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.