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Denglisch-Probleme im Alltag : Paul ist nicht mehr fein

Bei der Grillparty galt Paul sofort als arrogant. Bild: dpa

Im Beruf wechseln viele zwischen zwei Sprachen. Wer das in der Freizeit macht, wirkt schnell arogant. So wie Paul – damals, beim Grillfest in der Nachbarschaft. Eine Erinnerung.

          Unser neuer Nachbar Paul ist tief getroffen: Er wurde als Snob bezeichnet! Das wenig schmeichelhafte Etikett verschaffte ihm sein jüngster Auftritt auf einem Gartenfest, zu dem sich der harte Kern unserer Hausgemeinschaft alljährlich trifft. In der lockeren Runde antwortete er auf die Floskel „Wie geht’s denn so?“ ebenso flapsig: „Danke, ich bin fein.“

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Da in unserer Siedlung viele Mitarbeiter internationaler Unternehmen wohnen, hatte keiner der Anwesenden ein Problem damit, die wörtliche Übersetzung von „I am fine“ zu verstehen. Doch einige von ihnen legten die ungelenke Antwort als einen platten Versuch aus, den polyglotten Manager zu mimen.

          Pauls Premiere beim Gartenfest, das er zu allem Überfluss auch noch als „Social Event“ bezeichnete, war gründlich verhagelt. Obwohl er im weiteren Gesprächsverlauf Anglizismen vermied, fühlte er sich zu Unrecht mit jener Berufsgruppe in eine Schublade gesteckt, die mit dem Dauereinsatz von englischen Phrasen höchste Professionalität vorgaukelt, ohne in der Sache konkret zu werden.

          Pendeln zwischen Sprachwelten

          Als Produktmanager eines amerikanischen Markenartiklers gehört es für Paul zum Alltag, zwischen Sprachwelten zu pendeln und – im Dialog mit Kollegen – gewissermaßen auf mehreren (internationalen) Hochzeiten zu tanzen. „Je nachdem, wie anstrengend meine Arbeit war, bin ich dann zu träge, vom englischsprachigen Kosmos in den deutschen einzutauchen“, sagt er. Sprachforscher bestätigen den Befund. Die haben längst belegt, dass das regelmäßige Nutzen von zwei Sprachen das Gehirn auffrischt und für geistige Flexibilität sorgt.

          Doch in manchen Studien heißt es auch, dass bei einer erst spät erworbenen Zweitsprache die Sprachfertigkeit des Anwenders spontan leiden kann. Über einen gelegentlichen Lapsus Linguae, wie der lateinische Fachbegriff dafür lautet, braucht sich dann also niemand zu wundern. Eitle Motive sollte man schon gar nicht unterstellen. Der arme Paul ist jetzt jedenfalls, wegen dieser Unterstellung, leider gar nicht mehr so fein.

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