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Kolumne „Nine to five“ : Robin Hood in der Hotline

24-Stunden-Hotline oder treusorgender Freelancer? Die Kollegen hatten ihre Entscheidung getroffen. Bild: dpa

„Unseren Freelancer-Freak“ nannten die Kollegen liebevoll ihren treusorgenden IT-Mann. Dann wurde der Informatiker von der Geschäftsführung abserviert. Zu teuer! Doch die Chefs hatten die Rechnung ohne ihre Belegschaft gemacht.

          Fünf Jahre hatte Herr K. die Abteilung des mittelständischen Unternehmens computertechnisch betreut. Jeder durfte ihm seine Anforderungen an die Software vortragen, gemeinsamer Nenner war größtmögliche Nutzerfreundlichkeit. Der Informatiker hörte aufmerksam zu. Seine Wortkargheit wirkte nie unfreundlich, eher konzentriert. Halt eine Déformation professionelle, interpretierte Kollege P., der von „unserem Freelancer-Freak“ sprach.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Herr K. war ein gerngesehener Gast, löste Probleme, verzog selbst dann keine Miene, wenn er verklebte Tastaturen austauschte und Anwendungsfehler den digitalen Analphabeten verrieten. Unvergessen sein Freitagabendeinsatz: Der Computer tat keinen Mucks mehr, der Auftrag drängte. Der Freak kam und half.

          Dann tauchte der Mann nicht mehr auf. Was sich über die PC-Pannen nicht sagen ließ. Der Chef druckste herum: Aus Kostengründen habe man sich für ein anderes IT-Unternehmen entschieden, da gebe es eine 24-Stunden-Hotline. „Also rund um die Uhr“, schleuderte er den entgeisterten Kollegen entgegen. Häh? Der Freak war doch auch stets erreichbar! „Befehl von ganz oben“, würgte der Chef Nachfragen ab. Dann traf Kollege Plaudertasche den geschassten Computermann beim Sport und erfuhr die Hintergründe seines unfreiwilligen Herunterfahrens. Aus dem introvertierten Freak brach es heraus: „Es gab ein kühles Schreiben, man zahlt mir künftig ein Drittel weniger. Akzeptiere ich das nicht, läuft der Vertrag aus.“ Unter seiner Sportlerbräune wirkte der Mann aschgrau, murmelte noch etwas von „Das rechnet sich nicht mit unserem kranken Kind“.

          Das Wort vom „Erpresserbrief“ machte die Runde

          Kollege P. war alarmiert, sein Robin-Hood-Gen aktiviert, hinter vorgehaltener Hand machte das Wort vom „Erpresserbrief“ die Runde. Unseren Freak holen wir zurück! Der wird wieder ingesourct! Beim kleinsten Computermurks rief das Team die neue Hotline an, traktierte den Billigkonkurrenten mit infantilen Rück-, Nach- und Anfragen, bevorzugt am Wochenende. Lauter kleine Robin Hoods liefen abwechselnd zum Chef und jammerten über mangelnden Service, verzögerte oder geplatzte Abschlüsse wegen Programmabstürzen.

          Zwei Monate ging das so. Dann gab der Chef auf und per Rundmail bekannt: Man habe sich „in beidseitigem Einvernehmen“ vom Billiganbieter getrennt. Herr K. sei angefragt. Und Herr K. kehrte zurück. Aber mit einem höheren Honorar als zuvor, wie er strahlend andeutete.

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