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Kolumne „Nine to five“ : Noten schlagen auf das Gemüt

Zeugnistag für Mitarbeiter: Keine gute Idee. Bild: dpa

War nicht schon zu Schulzeiten der Tag der Zeugnisausgabe gefürchtet? Nicht nur deshalb kann es arg nach hinten losgehen, im Unternehmen die Mitarbeiter zu benoten.

          Ein Bekannter arbeitet in einem Unternehmen, das wie viele andere jährlich ein „Appraisal“ macht. So heißt dort das Mitarbeitergespräch mit Leistungsbewertung, denn das Unternehmen gibt sich gerne einen professionellen, angelsächsischen Touch. An der Note hängt ein Teil des Gehalts.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Bekannte hat nach allem, was zu hören ist, einen glänzenden Ruf, und zwar im Unternehmen wie auch bei den Kunden. Sein Vorgesetzter bekommt davon wenig mit, weil der mit anderen Dingen beschäftigt ist, etwa mit der Abwehr von Intrigen und der Behauptung gegenüber anderen Führungskräften. So erhielt unser Bekannter jüngst in seinem Appraisal nur die Normalnote; seitdem ist seine glühende Motivation merklich abgekühlt, er geht jetzt auch nicht mehr so spät nach Hause.

          Auch der Softwarekonzern SAP benotet seine Leute, aber er stellt das Verfahren demnächst ein. „Die bisherigen Ratings haben mehr Unzufriedenheit geschürt, als sie Positives gebracht haben“, sagt Deutschland-Personalchef Wolfgang Fassnacht. Mitarbeiter seien für kritische Rückmeldungen offen - aber nur so lange, bis eine Note erteilt werde. „Dann geht der Rollladen runter.“ Auch andere Personalchefs schwenkten um. „Das Thema treibt alle um im Moment.“

          SAP erprobt nun ein Konzept ohne Noten. Sozialistische Zustände sollen trotzdem nicht einziehen: Nur geben die Führungskräfte ihren Mitarbeitern Rückmeldung in kurzen Zeitabständen, wie es sich aus der Arbeit ergibt - und ohne den Formularkrieg eines „Appraisal“-Systems. Berater von PWC befragten Unternehmen in den Niederlanden, Großbritannien und Australien und fanden heraus: Noten können demotivieren.

          Noten nach Quoten? Oh je!

          Welch eine Erkenntnis! Statt sich von Managementmoden und dem vielzitierten Ratingsystem des amerikanischen Industriegurus Jack Welch beeindrucken zu lassen, hätten Unternehmen einfach in ihre Belegschaft hineinhören können. Vor allem dann, wenn sie die Noten nach festen Quoten vergeben, also zum Beispiel je Abteilung 60 Prozent für den Durchschnitt und 10 Prozent für herausragende Leistungen. Und wenn es dafür auch nur einen fest begrenzten Bonus-Pool gibt.

          Was passiert mit einer hochmotivierten Truppe, in der 30 Prozent herausragende Leistungen bringen? Und wie sollen die eigentlich den stets geforderten Teamgeist aufbringen - wo doch jeder aufpassen muss, dass der Kollege am Nebentisch möglichst nicht in die Zehn-Prozent-Gruppe vorstößt? Die Antwort darauf findet man auch ohne teure Berater schnell heraus.

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