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Kolumne: Nine To Five : Kollege G. liest

Bild: Felix Seuffert

Lohnt „Die Geschichte der Bienen“ wirklich? Oder Gunnar Gunnarssons „Advent im Hochgebirge“? Manche Kollegen könnten richtig gute Lesetipps geben.

          Wer liest noch Bücher? Herr G. tut das mit nicht versiegendem Wissensdurst. Er ist studierter Ökonom und an der Welt interessiert. Die erobert er sich unter anderem durch Lektüre. Manches gefällt ihm, was in Rezensionen hochgejazzt wird, manches fällt bei ihm durch. Darüber diskutiert er temperamentvoll mit Kollegen. Herr G. streitet sehr gerne, hart, aber fair. Er ist im wortwörtlichsten Sinne streitlustig, weil ihn das Thema interessiert und die Meinung der anderen, gerne auch generationsübergreifend. Denn Herrn G. haftet etwas Zeitloses an. Schwer vorstellbar, dass er mal ganz jung und unbeschwert war, schwer vorstellbar, dass er je alt und bedächtig erscheinen wird.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Manche der ihn umgebenden Kollegen ereilt seine Einschätzung eher zufällig. Andere suchen ihn gezielt auf und holen seine Meinung ein. Lohnt „Die Geschichte der Bienen“ wirklich? Gunnar Gunnarssons „Advent im Hochgebirge“ lautete sein Wintertipp. Beeindruckt hat ihn „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann. Ebenso Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“, der eilig nachgeschobene Erzählband fiel bei Herrn G. durch – „Resterampe!“ Siegfried Lenz’ „Der Überläufer“ wünscht er viele Leser. Die angesagten Ich-und-meine-öde-Kindheit-in-der-Provinz-Heimatromane hingegen hält er für Zeitverschwendung.

          Seitenlange Beschreibungen von Butterblumen und Bushaltestellen ohne Busse sind nicht seins. Wenn er auf Dienstreisen nicht arbeitet, greift er zum Buch, oft ist er der Einzige im Großraumwagen, der das tut, registriert er mit Verdruss. Herr G. pflegt keinen Lesezirkel, aber seine Buchtipps erzielen Wirkung. Eine Familienrichterin, die er regelmäßig auf der Hannover-Messe trifft, liest vor diesen Treffen verstärkt, um eine gute Bücherbasis für den Austausch zu haben. Auf das Wiedersehen mit der BWL-Professorin bereitet sich wiederum Herr G. durch Lektüre vor. „Die soziale Eroberung der Erde“ von Edward O. Wilson fand in einem Studenten einen neuen Leser. „Was lesen Sie gerade?“ ist kein plumper Spruch, sondern Aufforderung zu einer knappen Inhaltsangabe, bitte knackig kommentiert. Das macht den Arbeitstag zu etwas Besonderem. Denn das Leben ist zu kurz für Smalltalkgesabbel.

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