https://www.faz.net/-gyl-8md2c

Kolumne „Nine to five“ : Horror im Fahrstuhl

  • -Aktualisiert am

Schweigen und fahren. Das geht auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Bild: dpa

Der erste Horrortrip des Arbeitstages findet oft im Aufzug statt. Hier, auf wenigen Quadratmetern und in nur wenigen Sekunden, lassen sich Kollegen intensiv studieren. Eine Typologie.

          Der Stau auf dem Weg ins Büro verdirbt die Laune am Morgen? Wohl wahr. Bei Radfahrern sind es oft jene Auto-Rüpel, die Wege zuparken und Radler aus Prinzip wie Geschmeiß behandeln. Alles gut und schön, aber der erste wirkliche Horrortrip des Arbeitstages findet oft woanders statt: im Aufzug. Hier, auf wenigen Quadratmetern und in nur wenigen Sekunden, lassen sich Kollegen so intensiv studieren wie fast nirgendwo sonst. Und die Ergebnisse sind nicht immer schön.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das fängt schon mit Aufzugfahrertyp I an: dem Begrüßungsverweigerer. Betritt eine Kabine so groß wie ein Hasenstall und bekommt die Zähne nicht auseinander. Als wäre er allein hier. Ein verweigertes „Guten Morgen!“ auf größere Entfernung mag schon befremdlich sein. Aber so ein beharrliches Schweigen bei nur einer Armlänge Entfernung - Mannomann!

          Zumal Typ I oft ruck, zuck zu Aufzugfahrertyp II wird, dem Wandanstarrer. Wer nicht grüßt, redet auch sonst nichts, und deshalb pressen diese autistischen Mitfahrer ihren Blick auf die kahlen Aufzugwände, als gäbe es da irgendetwas Spannendes zu entdecken - was selten der Fall ist. Dient natürlich nur dem Zeittotschlagen. Solche Mitfahrer scheinen nur einen Wunsch zu haben: Ich will hier raus!

          Smartphone vor die Nase, Konzentrations heucheln

          Wesensverwandt mit Typ II ist Typ III, der den Kopf schon gar nicht mehr geradehalten kann, sondern stattdessen vor lauter Überforderung während der kompletten Fahrt den Boden fixiert. Als könnte er sich unsichtbar machen. Typ IV wiederum ist der Klassiker unter den Kommunikationsmuffeln, denn es gibt ihn überall, wo Menschen mit aller Macht ihre Ruhe haben wollen. Typischer Reflex: Smartphone vor die Nase, Konzentration heucheln, kurz menschliche Regungen antäuschen (Kopfschütteln, Seufzen) - schon ist man raus aus allem.

          Aber es geht auch anders, und wer Glück hat, trifft auf seiner kurzen Fahrt Typ V, sozusagen den Menschen unter den Aufzugfahrern: grüßt freundlich, bekommt bei Blickkontakt keine Beklemmungen, ist auch mal für eine launige Bemerkung zu haben und gegebenenfalls in der Lage, nicht verkniffen, sondern würdevoll zu schweigen. Alles im Wissen über das Wesen von Fahrten im Aufzug: ist schnell vorbei und tut gar nicht weh.

          Weitere Themen

          Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

          Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

          Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

          Topmeldungen

          Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

          Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

          Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.