https://www.faz.net/-gyl-8elc1

Kolumne „Nine to five“ : Für dich wieder Herr Meier!

Duzen oder siezen im Geschäftskontext? Keine leichte Frage! Bild: Picture-Alliance

Siezen Sie noch, oder duzen Sie schon? Das ist in der Arbeitswelt ein komplexes Thema. Denn: „Du Idiot“ kommt den meisten leichter von den Lippen als „Sie Idiot“.

          Das informelle Abendessen wird zur Verjüngungskur. Die Kollegin hat einen angesagten Italiener in der Altstadt vorgeschlagen. Kaum plaziert auf der fürchterlich unbequemen Holzbank, nähert sich der Kellner, der so überhaupt nicht nach Kellner aussieht: Zwei tätowierte Arme reichen die karge Karte. Freundlich fragt er: „Was trinkst du?“

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Das ist unser Mann! Herrlich, endlich mal wieder geduzt zu werden, obwohl wir dem Studentenalter Lichtjahre entwachsen sind, was auch das Schummerlicht nicht verbergen kann. Das Trinkgeld fällt üppig aus. Daheim folgt die kalte Dusche: Der wird doch dafür bezahlt, dass er mittelalterliche Gäste duzt, solche Typen machen selbst vor Rentnern nicht halt.

          Berufseinsteiger unterschätzen die Wucht der Anrede

          Siezen Sie noch, oder duzen Sie schon? Das ist in der Arbeitswelt ein komplexes Thema. Vor allem Berufseinsteiger unterschätzen die Wucht der Anrede. Manche von ihnen sind gesegnet mit rührender Naivität, so wie die Hospitantin, die sich allen als „Ich bin die Franziska“ vorstellt, ihren Nachnamen gar nicht erst nennt, nicht blickend, dass sie sich so klein macht. Beim Praktikum in Down Under lief das doch auch easy.

          Sie verwechselt Duzerei mit Vertrautheit. Ganz so, als würde ruck, zuck Nähe hergestellt, die nicht existiert. Schon mal gar nicht am ersten Arbeitstag. Diskretes Nachfragen bei der freundlichen Franziska („Meine Freunde nennen mich Franzi“) ergibt: Sich mit möglichst vielen neuen Kollegen zu duzen, das ist in manchen Kreisen ein rhetorischer Ritterschlag. Duzangebote werden wie Trophäen gesammelt, nichtsahnend, dass das tückisch ist.

          Hemmschwellen fallen rascher

          Je länger kluge Mitarbeiter an Bord sind, umso zurückhaltender werden die meisten mit dem schnellen Du: Sie haben erlebt, dass mit der rhetorischen Verschwisterung Hemmschwellen rascher fallen und wüster geschimpft wird. „Du Idiot“ kommt den meisten halt leichter von den Lippen als „Sie Idiot“. Ganz gruselig: Was mache ich, wenn aus der Astrid, die ich nur flüchtig vom Aufzug-Smalltalk kenne, plötzlich meine Vorgesetzte wird? Du, wir müssen mal über mein Gehalt reden: Will ich das wirklich? Und wetten: In jedem Arbeitsumfeld gibt es angenehm auftretende Menschen, die ihr Privatleben privat halten, sich konsequent mit allen siezen und damit ein prächtiges Alleinstellungsmerkmal besitzen. Sie sind immer ein bisschen unnahbar.

          Und sie setzen sich nie der klassischen Büroblamage aus: dass sich nämlich Duzfreunde überwerfen und der eine dem anderen das Du mit sofortiger Wirkung und bebender Wutstimme entzieht. Dass der Meier mit dem Müller wieder per Sie ist, bleibt niemandem verborgen. Thomas und Werner, das war vor dem großen Streit auf Sandkastenniveau. Souveränität sieht anders aus. Das hat auch Franziska überzeugt. Die tritt demnächst als Frau M. in Erscheinung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

          Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.