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Kolumne „Nine to five“ : Einmal im Jahr heiß begehrt

Zum Oktoberfest ist Fachkollege Andreas auf einmal heiß begehrt. Bild: dpa

Fachkollege Andreas ist nach München gezogen. Jetzt ist er einmal im Jahr Objekt der Begierde - nämlich zum Oktoberfest. „Du erinnerst dich? Wir haben uns beim Soundso-Empfang kennengelernt...“ Nein, Andreas erinnert sich nicht!

          Er ist begehrt bis zur Schamlosigkeit, wird gebucht und kann sich der Anfragen kaum erwehren. Aber der Reihe nach. Fachkollege Andreas ist beruflich nach München gezogen und seitdem einmal im Jahr Objekt der Begierde. Dann hat er plötzlich viele Freunde. Von früher und von vorgestern. Alle Jahre wieder im September schießt seine Anziehungskraft in ungeahnte Sphären, präziser: Der Magnet ist seine schnuckelige Altbauwohnung im angesagten Stadtteil Haidhausen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          In den zweieinhalb Zimmern mit knarzendem Parkett, charmant schiefen Wänden und winzigem Bad geben sich die Oktoberfestbesucher die Klinke in die Hand. Spätestens von August an wird der 37-Jährige traktiert mit Mails, Kurznachrichten und Anrufen, eingeleitet mit einem aufgesetzt lockeren: „Du erinnerst dich? Wir haben uns beim Soundso-Empfang kennengelernt und wollten fragen, ob wir bei dir übernachten können...“

          Meist erinnert sich Andreas nur vage und staunt über die Dreistigkeit, mit der Bekannte von Bekannten zur Wiesnzeit Kontakte anknipsen. Verärgert zitiert er das Mantra versierter Netzwerker: Netzwerke müssen geknüpft werden, bevor man sie braucht. Anfragen an ihn steigen kontinuierlich, so wie die Hotelpreise in und um München. Sogar im entfernten Umland wird noch die ein oder andere heruntergerockte Bruchbude an einen verzweifelten Kanadier vertickt, natürlich nicht zum Freundschaftspreis.

          Als Spaßbremse mag er nicht dastehen

          Da erscheint Andreas’ Szeneviertel doppelt attraktiv. Zum größten Volksfest der Welt bilanziert der studierte Betriebswirt: Entweder er flüchtet in Resturlaubstage, dann wird er um den Schlüssel gebeten, mit servil vorgetragener Wir-gießen-die-Blumen-Bettelei, oder er greift zur Die-Bude-ist-leider-voll-Notlüge. Andreas ist auf seinen Ruf bedacht. Als Spaßbremse mag er nicht dastehen. Aber auch nicht als ausgenutzter Quartiermanager mit tiefen Augenringen am Schreibtisch, weil einer der fast fremden Gäste zur Unzeit bierselig ins Bad taumelt.

          Andreas’ Freundin will die Hürden der Einquartierung erhöhen. Sie sagt: „Wir schaffen das nicht.“ Damit leitet sie ihr spätsommerliches Lieblingsthema ein. Die Leidensgeschichte ihres früheren Vorgesetzten, der von seinem Arbeitgeber nach Singapur entsandt worden ist. Über die Oktoberfestjammerei kann der Immobilienwirt in Asien nur lachen: „Lage, Lage, Lage. Alles eine Standortfrage. Was glaubt ihr, wer bei uns wieder zu überwintern gedenkt?!“

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