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Kolumne „Nine to five“ : Der große Bluff

Selfie-Zeiten - aber Zurückhaltung kann sich dennoch lohnen. Bild: Mai, Jana

Zurückhaltung ist in Selfie-Zeiten zur seltenen Kunst geworden. Und wer kann eigentlich noch richtig zuhören?

          In Selfie-Zeiten des „Ich über mich“ wird Zurückhaltung zur seltenen Kunst. Einer dieser stillen Künstler ist Andreas. Der Betriebswirt versteht sich als spezialisierter Generalist und redet gern das eine oder andere Wörtchen mit. Aber anfangs hält er sich in Gesprächen zurück und genießt es geradezu, unterschätzt zu werden.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Besonders im Eins zu eins mit Prahlern und Geltungssüchtigen läuft Andreas zur Höchstform auf. Denn der Mann ist auf fast allen Wissensgebieten gut vorbereitet und noch besser informiert. Wird er bei einem Juristen vorstellig, hat er dessen zwei jüngste Fälle präsent und kennt Vergleichsurteile. Steht ein heikles Kundengespräch mit dem ausländischen Zulieferer an, erwähnt er die Historie und jüngste Lage des Landes, hält einen kurzen Smalltalk möglichst kombiniert mit Sätzen in dessen Muttersprache. Mit schnödem Name-Dropping gibt sich Andreas nicht ab. Referenznennung ist ihm zu plump, zu peinlich, Protz-Promis sind nicht seine Welt. Seine Währung sind Belesenheit, Bildung, Schlagfertigkeit und eine rasche Auffassungsgabe. All das führt er dann allerdings liebend gern vor, dem stilvollen Bluff sehr zugeneigt.

          Am leichtesten fällt ihm das mit gezielten Fragen. Auf wichtigen Terminen jedweder Art deutet er ein, zwei wunde Punkte an, eröffnet und überlässt seinem Gegenüber die Selbstdarstellerbühne. Die muss oder darf dieser dann bespielen, nicht Andreas. Als kluger Frager hat er seine Hausaufgaben gemacht und weiß, wie er vorab an Informationen kommt, und hat sie im Kopf statt im Smartphone. Echtzeit-Googeln – so etwas braucht er gar nicht. Ertappt wird der Oberschlaue mit seinem zu Teilen kurzfristig angelesenen Expertenwissen so gut wie nie. Er weiß, wann das Eis zu dünn wird und er sich als jovialer Jongleur zurückziehen muss.

          „Angenehmer und kompetenter Gesprächspartner“

          Spätestens wenn der andere zu sehr ins Detail geht, lässt er seinen Gesprächspartner die erklärende Lehrerrolle ausleben und spornt ihn mit einem „Interessant, das habe ich so noch nicht gehört“ an. Dabei saugt er dessen Wissen auf und gibt das eben Erfahrene in eigenen Worten wieder.

          Ist die Wohlfühlatmosphäre erst geschaffen, lenkt Andreas sein Gegenüber auf die Themen, die ihm wichtig sind. Der andere fühlt sich zutiefst verstanden und schätzt Andreas als „überaus angenehmen wie kompetenten Gesprächspartner“. Auch wenn dieser vor allem zugehört hat. Seine eigene Meinung tut er wohldosiert kund. Er weiß die Eitelkeiten anderer für sich zu nutzen. Diese Strategie klingt nach Billigtrick aus dem Rhetorik-Baukastenseminar? Ausprobieren geht über Kritisieren.

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