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Kolumne „Nine to five“ : Betriebsklima in Gefahr

Hochgedreht und doch nicht angesprungen: Wenn im Büro die Heizung ausfällt, rücken die Kollegen auf einmal zusammen. Bild: AP

Die Büro-Heizung ist ausgefallen. Kollege M. entpuppt sich als Memme, Kollege U. wird nach einem Tag krank, Kollege J. studiert das Arbeitsrecht. Die spannende Frage: Überträgt sich die Kälte aufs Betriebsklima?

          Die Büroräume sind prächtig gelegen, in einer Straße wie gemalt, Gründerzeithäuser reihen sich aneinander wie Perlen einer Schnur. Die Niederlassung selbst residiert leider nicht in einem Flügeltürentraum mit Edelstuck und Eichenparkett, der seelenlose Zweckbau wartet auf mit in die Jahre gekommenem Teppichboden und wabenartige Büros, punktet aber mit Ausblick auf die Nachbarpracht. Schöne Aussichten müssen an diesem Herbstmorgen auch reichen, um Herz und Seele zu wärmen. Denn die Räume sind kalt. Kollege C., der sich gern in Rage redet und nur ab einer bestimmten Betriebstemperatur wohl zu fühlen scheint, hat sein Topthema des Tages: Die Heizung ist ausgefallen!

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Sekretärin informiert das Gebäudemanagement. Verflixt, man habe einen Subunternehmer beauftragt, der sei gerade nicht abkömmlich. An diese Informationen gelangt die Dame nach einem gefühlten Stündchen in der Endlosschleife. Nicht nur die zur Schlagerschnulze verhunzten „Moldau“-Motive kommen ihr zu den Ohren raus. Endlich meldet sich ein Mensch: Man bedauere sehr, der Notdienst schiebe Sonderschichten, allerdings weit weg im Norden der Stadt. Während Kollege C. sich mit Schimpftiraden hochheizt, friert es die anderen. Kollege B. hockt im Mantel vor dem Bildschirm.

          Marathonläufer oder Memme?

          Blazer werden hervorgekramt, schale Scherze über Glühwein im Oktober und Alkohol am Arbeitsplatz machen die Runde. Das gemeinsame Bibbern fördert überraschende Wahrheiten zutage: Kollege M., als Marathonläufer der Trumpf beim Firmenlauf, entpuppt sich als Memme und wickelt sich zitternd in sein Goretex. Kollegin E., stilbewusst bis in die lackierten Fingernägeln, nimmt die Kühle indes sportlich und doziert darüber, „dass Kälte konserviert und gut für den Teint ist, jedenfalls besser als Heizungsluft“. Kollege U. betreibt persönliches Krisenmanagement und verkündet frohgemut: Ich feiere Überstunden ab. Tags drauf wird er sich krank melden, sein erbärmlicher Husten klingt überzeugend.

          Kollege J. verbringt die Pause in Gesellschaft des dickbäuchigen Arbeitsrechts und eruiert, ob es zulässig ist, in Eisbunkerbüros auszuharren. Die anderen wärmen sich mittags beim Holzofen-Italiener auf. Nachmittags bringt ein Bote drei Heizstrahler - ein knappes Gut bei sieben Einzelbüros. Zitternd finden sich ungeahnte Allianzen, um sich warme Gedanken zu machen. Die Kälte befeuert das gute Betriebsklima.

          Tagsdrauf droht neuer Ärger. Ein Ungetüm von einer mobilen Heizung okkupiert Parkplätze. Mächtige Schläuche winden sich ins Gebäude und verbreiten heiße Luft, bis die Heizung repariert ist. Der Erste reißt genervt das Fenster auf. Nasskalter Nebel wabert herein, wird aber lichter. Die Heizung springt an. Das merkt anfangs niemand, denn das Wetter hat gewechselt. Die Sonne überstrahlt alles.

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