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Kolumne „Nine to five“ : Besserwisserbibel für Anfänger

Reif fürs Reifezeugnis? Bild: dpa

Liebe Schulabgänger, Studienanfänger und Berufseinsteiger! Bald müsst ihr versuchen, irgendwie erfolgreich den Berufsweg zu beschreiten. Bloß: Wie geht das? Ein paar nicht ganz ernst gemeinte Patentrezepte.

          Erfolgreich den Berufsweg beschreiten: Nichts leichter als das, liebe Schulabgänger, Studienanfänger und Berufseinsteiger. Mit Sicherheit durchlebt ihr in diesen bleiernen Wochen einen heftigen Gefühlsmix aus Erleichterung und Erschöpfung.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Vorbei ist der Prüfungsdruck, verwirrend sind die Noten – vor allem, wenn die ausgelaugte bayrische Cousine, die trotz durchgepaukter Ferien von einer Eins vor dem Komma nur träumen kann, auf ihren phlegmatischen Vetter aus Berlin stößt und dessen Aussicht auf einen respektablen Abi-Schnitt. Augenringe haben beide, die eine vom nächtlichen Lern-, der andere vom Feiermarathon. Lektion eins: „Niemand hat gesagt, dass das Leben gerecht ist“, erklären die Elternpaare, als das Thema beim Familientreffen hochkocht. Nur gut, dass hier nicht alle 16 Bundesländer vertreten sind.

          Sei innovativ, aber bitte nicht zu sehr

          Wie dem auch sei, liebe Anfänger: Ihr habt jetzt Reifezeugnisse im Gepäck und die nächste Hürde vor euch. Denn ein Blick auf die Botschaften handelsüblicher Berufsbibeln verwirrt mit Doppelbödigem. Was da zu lesen ist, mag man den stolzen Startern in diesen zeugnisbewegten Tagen nicht überreichen: Sei selbstbewusst, aber presche nicht zu weit vor. Sei innovativ, aber bitte nicht zu sehr. Und achte die Tradition des Hauses, auch wenn du noch keinen Schimmer von ihr hast. Sei kommunikativ und zugewandt, aber bitte keine Plaudertasche.

          Sei einzigartig – aber nicht zu einzig und um Gottes willen nicht zu artig. Sei angemessen angezogen, nicht zu schick, nicht zu lässig, nicht zu – na, was denn jetzt? Sei sportlich, aber protze nicht mit deiner Ich-jogge-auch-im-Eisregen-Disziplin. Sei gesundheitsbewusst, aber poche nicht auf vegane Kantinenkost. Sei interessiert an Smalltalk, aber nicht indiskret, und halte dich von Klatsch fern. Sei achtsam, auch wenn dir keiner konkret sagen kann, was das jetzt wieder sein soll. Sei sensibel, doch dosiert, sonst wirkst du wie ein Weichei. Und gaaanz wichtig: Sei du selbst. Sei authentisch. Das wollen doch jetzt alle sein. Aber bitte nicht zu sehr – sonst shitstormt der Zeitgeist des Mainstreams.

          Arme Anfänger, ein Zauber wohnt diesen Besserwisserbemerkungen nicht inne. Darum folgt hier unser Wort zum Wochenende: Sei klug, lass dich überraschen, und schlage einen weiten Bogen um konfektionierte Ratgeber. Probiere etwas aus, hole dir ein paar blaue Flecken, und versuche es von Neuem. Und mache deine Fehler selbst. Denn die tun weh, und daraus lernt man am meisten. Das darfst du dann später im Karriere-Fragebogen anderen Generationen weitergeben – wenn du es denn vor lauter chamäleonhafter Verbiegerei bis dahin geschafft haben solltest. Viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg. Hab Spaß in Perth.

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