https://www.faz.net/-gyl-92huf

Kolumne „Nine to five“ : Untervermieten für Anfänger

  • -Aktualisiert am

Wer beruflich mobil bleiben will, muss manchmal zum temporären Vermieter werden. Bild: dpa

Karriere machen, das heißt heutzutage auch: mobil sein. Damit kann auch einhergehen, dass man zeitweise ganz unfreiwillig zum Vermieter wird.

          Wer heute ins Berufsleben startet, weiß, dass er kaum 40 Jahre im selben Betrieb bleiben wird. Was bei Eltern und Großeltern noch Usus war, scheint heute ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Branchenkrisen, Umstrukturierungen oder Schweinezyklen verlangen Arbeitnehmern heute maximale Flexibilität ab – nicht nur in puncto Gehaltsvorstellungen. Auf der Jagd nach einer Festanstellung ist auch ein Wechsel des Wohnortes keine Seltenheit.

          Diese Erfahrung macht auch ein junges Münchner Paar, als es ein Angebot bekommt, das es nicht ablehnen kann: Harrt der junge Mann ein Jahr auf einem unbeliebten Posten in der Außenstelle seiner Firma 400 Kilometer entfernt aus, winkt ein unbefristeter Vertrag. Das kärgliche Salär wird bis dahin allerdings dasselbe bleiben. Auch die Partnerin verdient nicht fürstlich, arbeitet aber immerhin frei von zu Hause aus und beschließt, mit ins Exil zu kommen. Denn zwei Wohnungen in zwei teuren Städten kommen nicht in Frage, ein Untermieter muss her.

          Aus Milbertshofen wird Schwabing-Nord

          In München ein Klacks, denken beide – weit gefehlt. Denn ihr Viertel scheint vielen Wohnungssuchenden suspekt zu sein. Oder die Ortsunkundigen unter ihnen haben noch nie von ihm gehört. Da kommt dem Paar eine Idee: Münchens bekanntestes Viertel ist nicht weit entfernt – warum nicht Nutznießer dieses Umstandes sein? Frankfurt-Hahn hat mit der Mainmetropole auch so viel zu tun wie ein Pinguin mit der Sahara. Aus Milbertshofen wird so Schwabing-Nord – ein Ortsteil, den es gar nicht gibt.

          Und siehe da, das E-Mail-Postfach explodiert. Leider scheinen nicht alle Interessenten exakt zu lesen, was sicherlich auch mit der Verzweiflung zu tun hat, welche die Wohnungssuche auf dem erhitzten Münchner Mietmarkt mit sich bringt. So wird gerne ignoriert, dass das Mietobjekt wegen Größe und Raumaufteilung nur an Singles oder Paare abzugeben ist. Viele Bewerber wollen eine WG gründen oder eine Großfamilie unterbringen. Die Zeit wird knapp.

          Schließlich erhält ein zugereistes Paar den Zuschlag, das manierlich, wenn auch snobistisch erscheint, betont es doch ständig, nur auf die Fertigstellung der Münchner Eigentumswohnung zu warten. Als die drei Monate früher als geplant fertig wird, ist das Geld doch knapper als dargestellt, bitten sie doch um vorzeitige Entlassung. Als nach der Wohnungsrückgabe die Adresse genannt wird, um Post nachzusenden, zaubert die Recherche auf Google Street View den Untervermietern ein Lächeln auf die Lippen: die Angeber wohnen nun an der Autobahn – bei Fürstenfeldbruck.

          Weitere Themen

          Wo Wien jetzt eine Küste hat

          Seestadt Aspern : Wo Wien jetzt eine Küste hat

          In der Seestadt Aspern entstehen 10.000 Wohnungen – unter anderem im höchsten Holzhochhaus der Welt. Die Mieten sind niedrig, die Verkehrsanbindung ist gut. Echte Wiener würden trotzdem nie so weit nach draußen ziehen. Und nun?

          Geteilte Welt

          FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

          Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

          Topmeldungen

          Kandidatenfeld wächst auf acht : Wer folgt auf May?

          Acht amtierende oder ehemalige Minister aus dem Kabinett der scheidenden Premierministerin haben bislang bekundet, Theresa May beerben zu wollen. Favorit ist Boris Johnson. Es gibt allerdings auch schon prominente Absagen.

          FAZ Plus Artikel: Selbstverantwortung : Kümmer dich um mich!

          Deutschland diskutiert wieder über Sozialismus. Tatsächlich wollen Menschen nicht mehr so viel Verantwortung für ihr Leben haben. Sie lassen lieber andere für sich entscheiden. Wo ist der Wunsch nach Freiheit geblieben?

          Streit um Grenzmauer : Trump diffamiert Richter

          Präsident Donald Trump ärgert sich, weil ein Bundesrichter einen Teil der Mittel für Grenzanlagen blockiert hat. Der Richter sei ein „Aktivist“. Trump hat mittlerweile mit sieben Klagen gegen seine Mauer zu Mexiko zu kämpfen.

          Formel 1 im Liveticker : Die Silberpfeile fliegen vornweg

          Das Rennen in Monte Carlo ist legendär. In diesem Jahr starten wieder die Mercedes von ganz vorne. Am Start hat keiner der Verfolger die Chance auf ein Überholmanöver. Verfolgen Sie das Rennen im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.