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Kolumne „Nine to five“ : 40 Grad und Wadenwickel

Wenn die Viren das Kommando übernehmen Bild: dpa

Die Büroflure sind leer: Erkältungs- und Grippewelle. Von der Sehnsucht, endlich wieder normal arbeiten zu gehen.

          Spätestens wenn die Fieberkurve in lange nicht mehr gekannte Höhen steigt, alle Glieder schmerzen und der Kopf schier explodiert, liegt auf der Hand: „Jetzt hat sie mich doch noch erwischt, die gefürchtete Grippe.“ Unter Aufbietung aller Kräfte schleppt man sich am nächsten Morgen zum Arzt, klar ein Virus, Bettruhe, inhalieren, Paracetamol und abwarten – mehr könne man da nicht machen. Krankschreibung für eine Woche. Eine ganze Woche, was sich in dieser Zeit sonst alles anstellen ließe!

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Es gibt ja verschiedene Arten, krank zu sein. Die eine: Man hat sich vielleicht den Magen verdorben oder schlimmen, ansteckenden Husten. Zwei Tage bleibt man zu Hause, zu krank zum Arbeiten, aber noch fit genug, um vom Bett aus die ganze Staffel der Lieblingsserie auf Netflix zu schauen oder den Schmöker zu Ende zu lesen. Und da ist die Grippe: Nach einer Folge „Game of Thrones“ dröhnt die Birne noch höllischer, lesen strengt zu sehr an, die Buchstaben verschwimmen. Und zwei Tassen abzuwaschen fühlt sich an, als hätte man gerade einen Halbmarathon hinter sich.

          Der Radius des Lebens schrumpft auf 100 Quadratmeter. Vor die Tür zu gehen, daran ist gar nicht zu denken. Man schleppt sich vom Bett aufs Sofa und wieder zurück, vegetiert hier und dort vor sich hin; man verwahrlost, benutzte Taschentücher pflastern den Boden. Auch das Schmerzmittel wirkt schon nicht mehr, die Höchstdosis ist lange erreicht. Das Virus hat die Kontrolle übernommen. Wie einst die Mutter, macht der Liebste Wadenwickel in der Nacht und ist am nächsten Tag noch nett, obwohl man ihm mit dem Dauergehuste den Schlaf geraubt hat.

          Und noch ein Gefühl kommt auf, das man vor allem aus der Kindheit kennt: Langeweile. Mit jedem Tag sinkt die Decke ein Stück tiefer. Irgendwann wird die Wand nicht mehr interessanter dadurch, dass man sie noch länger anstarrt. „Ich will hier raus, ich will – tatsächlich – ganz dringend wieder ins Büro!“ So schreit man innerlich, äußerlich geht nicht, die Stimme ist weg. Dabei hat man sich höchstwahrscheinlich genau in diesem Laden das ganze Elend eingefangen. Dort herrschten schon länger gähnende Leere auf den Fluren und Lücken in den Dienstplänen. „Bei der Arbeit bleibt alles liegen“, kommt einem vorm Wegdämmern noch kurz in den Sinn, aber darüber nachzudenken ist wieder zu anstrengend. Außerdem ist es eh schon egal, denn alle sind krank, Lokführer, Handwerker, Postboten, die ganze Arbeitsmaschine bleibt stehen.

          Doch jetzt, man riecht ihn in der Luft und hört die Vögel zwitschern, jetzt kommt der Frühling! Und mit ihm die Sonne und neuer Elan – und hoffentlich keine Sommergrippe.

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