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Kolumne „Nine to five“ : Schlaflos in Berlin

Cooles Couchsurfen? Eher was für jüngere Kollegen. Bild: dpa

Dienstreisen sind toll: Man kommt mal raus, sieht fremde Städte, der Arbeitgeber zahlt. Noch cooler ist es, beim Kumpel auf der Couch zu übernachten. Meistens.

          Die jungen Kollegen sind vorbildlich vernetzt. Das freut die Kostenstelle der Personalabteilung und frustriert die Älteren. Dienstreise nach Stockholm? Kein Problem, übernachtet wird beim Kurzzeitkumpel vom Erasmusprogramm. Termin zu Buchmessenzeiten in Frankfurt? Läuft, da schlüpft man spontan in der Butze der lockeren Lena vom Work-and-travel-Trip unter, Isomatte ist inklusive.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Wir sind multikultiaffine Airbnb-Allrounder, weltläufige Couchsurfer und nicht angewiesen auf überteuerte Messepreise und überbuchte Wucherhotels in schäbigen Bahnhofsvierteln.

          Was sollen wir uns mit anderen Büroexistenzen die Müslischalen am Frühstücksbüffet füllen, wenn wir mit Schüleraustausch-Jakub auf der Dachterrasse sitzen und uns wie ein Krakauer fühlen können?

          Wie unsexy ist das denn?

          In jungen Jahren sind Dienstreisen ganz große Klasse, durchbrechen Routine und bringen uns in wichtiger Mission an interessante Plätze. Berückend, im ICE den Laptop auszupacken, nicht um Filmchen zu streamen, sondern Tabellen aufzurufen.

          Nur doof: Das Ich-werde-für-meine-Reise-noch-bezahlt-Gefühl schwindet von Jahr zu Jahr. Aber zugeben, im eigenen Bett am besten zu schlafen – wie unsexy ist das denn? Also machen wir auf mitteljung und werfen mit betonter Lässigkeit in die Runde, den Berlin-Termin zu übernehmen.

          In Charlottenburg wohnt, wie wir cool erwähnen, Studienfreund Stef. Dass aus dem verpeilten Jurastudenten ein ehrgeiziger Wirtschaftsanwalt geworden ist, ist uns entgangen, ebenso der längst erwachte Familiensinn des einstigen Kürzer-als-Kurzbeziehungs-Spezialisten. Stefan hat Frau und vier Kinder.

          Gutenachtmärchen bis zum Lallmodus

          Abends checken wir ein, müssen Gutenachtmärchen bis zum Lallmodus vorlesen und beim Barolo Weißt-du-noch-Geschichten aufwärmen, bis uns die Augen zufallen. Stefan macht nämlich morgen Homeoffice, seine Frau ist in Elternzeit. Dass wir zu nachtschlafender Zeit einen Termin in Friedrichshain haben, kümmert das gastfreundliche Paar nicht die Bohne.

          Eine Dienstreise mit Familienanschluss ist fürchterlich anstrengend. Wir sehnen uns nach einem seelenlosen Businesshotel mit alleinigem Zugriff auf die Fernbedienung. Die Einladung, zur Hannover Messe bei Ex-WG-Mitbewohnerin Elke unterzukommen, lehnen wir ab.

          Noch eine Nacht auf ihrem durchgelegenen Askeby-Sofa überleben wir nicht. Das Wort Notunterkunft hat jetzt einen neuen Klang. Buchen wir lieber ein Billigbett mit Aussicht auf Schlaf und vorübergehende Einsamkeit!

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