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Kolumne „Nine to five“ : Sehnsucht nach dem Hasenstall

Im Großraum kann es schon mal hoch her gehen. Bild: dpa

Bald sollten alle im Großraumbüro arbeiten und sich jeden Tag ihren Schreibtisch neu suchen. Die Belegschaft grummelte. Aber der Vorstandsvorsitzende wollte mit gutem Beispiel vorangehen.

          Schon länger war klar, dass die Firma umziehen musste: Das Mobiliar war unmodern, die Waschräume marode, und bei Starkregen tropfte es von der Decke. F., der Vorstandschef, engagierte einen Berater. Wenn schon neue Räume, dann nach neuesten Standards! Nach wenigen Sitzungen mit dem Berater trug er der Belegschaft vor, wie das neue Bürokonzept aussah: Alle sollten im Großraumbüro arbeiten, für vertrauliche Telefonate würden vier „Ruhezonen“ eingerichtet. Feste Schreibtische sollte es nicht mehr geben; jeder würde sich jeden Morgen seinen Arbeitsplatz neu suchen. F. sprach von „Clean Desk Policy“.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Die Belegschaft grummelte, aber er hatte seine Argumente beisammen. „Wir als Leitung werden da vorangehen und auch mit im Office sitzen“, sagte er. Es sei wichtig „die Hasenstall-Mentalität aufzubrechen“, das Ganze sei „viel kreativer“. Effizienter sei es auch, „ da wir sowieso alle so oft unterwegs sind“. Lärm? „Mit Headset und Rückzugsräumen ist das kein Thema.“

          Der Umzug kam. F. zog mit den anderen tatsächlich ins Großraumbüro. Anfangs packte er noch jeden Morgen die gerahmten Fotos von Frau und Kindern aus der Aktentasche und stellte sie auf einem immer neuen Schreibtisch auf. Anfangs ging er auch noch brav jeden Tag in die Küche, um seinen Gummibaum abzuholen, den er nachts dort parkte. Für jedes Telefonat zog er sich in eine der neuen, schicken „Telefonzellen“ zurück – nur um festzustellen, dass er dort meist erst Stunden später wieder rauskam, weil ein Call den nächsten jagte, zwischendurch Mitarbeiter um Vier-Augen-Gespräche baten und er den Rest der Zeit gut für Arbeit in größerer Ruhe gebrauchen konnte.

          Ruheraum? Oder eher: Chefbüro?

          Nach zwei Wochen passierte es F. zum ersten Mal, dass er morgens seine Familienfotos direkt in der Telefonzelle aufbaute. Mittags holte er den Gummibaum hinterher. Von Woche drei an vergaß er völlig, abends alles wieder wegzuräumen.

          Nach knapp zwei Monaten hieß einer der vier Ruheräume in der Belegschaft nur noch „Chefbüro“. Niemand wagte es mehr, diese Telefonzelle zu benutzen, selbst wenn F. auf Dienstreise war. Auf solchen Reisen freilich erzählte F. jedem, der es hören wollte, vom neuen Bürokonzept. Und davon, wie er selbst bei der „Clean Desk Policy“ vorangeschritten war.

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