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Neue Zahlen zur Erwerbsquote : In Deutschland arbeiten mehr Frauen - aber noch mehr Männer

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In Deutschland haben mehr Frauen einen Job als in den meisten anderen europäischen Ländern, vermeldet das Statistische Bundesamt. Allerdings: Ein Zeichen für mehr Gleichbehandlung am Arbeitsmarkt ist das noch nicht unbedingt.

          Die Aussage des Statistischen Bundesamts klingt überraschend: In Deutschland sind deutlich mehr Frauen berufstätig als in den meisten anderen EU-Ländern, vermeldeten die Statistiker an diesem Freitag. 2012 seien in Deutschland 17,7 Millionen Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig gewesen. Höher war in dem Jahr der Anteil erwerbstätiger Frauen nur in den Niederlanden und in den traditionell für ihre hohe Frauenerwerbstätigkeit bekannten skandinavischen Ländern.

          Ist also die Vorstellung davon überholt, dass in Deutschland etwa aufgrund schwieriger Kinderbetreuungsmöglichkeiten noch immer viel weniger Frauen arbeiten als Männer? Dieser Schluss stimmt nur zum Teil. Zwar hat sich, wie das Statistische Bundesamt auch berichtet, die Erwerbstätigkeit von Frauen in Deutschland im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich erhöht. Doch bleibt bei der Rechnung ein Aspekt unberücksichtigt: In Deutschland boomt der Arbeitsmarkt, ist es da nicht normal, dass auch mehr Frauen einen Job abbekommen als in Ländern, in denen der Arbeitsmarkt am Boden liegt? Sagt die reine Frauenerwerbsquote wirklich so viel darüber aus, wie die Beteiligung von Frauen und Männern am Erwerbsleben ist?

          Setzt man die Frauenerwerbsquote ins Verhältnis zur Gesamt-Erwerbsquote von Männern und Frauen in den jeweiligen Ländern ergibt sich ein ganz anderes Bild: In Deutschland ist die Differenz zwischen der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen und derjenigen der Gesamtbevölkerung ähnlich groß, wie in den anderen großen europäischen Ländern. Deutschland, Frankreich, Spanien, England – die Unterschiede sind gering, wie die Grafik von Statista illustriert. In Litauen sehen die Zahlen dagegen viel eher nach echter Gleichberechtigung der Geschlechter aus: Hier entspricht die Frauenerwerbsquote fast derjenigen der Männer. Auch Schweden und Portugal kommen auf geringere Differenzen als Deutschland. Es gibt aber auch Länder in denen die Männer den Arbeitsmarkt noch viel stärker dominieren als in Deutschland oder der Gesamt-EU: Griechenland und Italien sind solche Beispiele, Malta bildet das Schlusslicht.

          Weder Gewerkschafter noch Arbeitgebervertreter jubeln

          Auch die Gewerkschaften verfallen angesichts der neuen Frauenerwerbs-Statistik nicht in Jubel. Aus Sicht von IG-Metall-Vorstandsmitglied Christiane Benner ist der hohe Beschäftigungsgrad der Frauen in Deutschland irreführend: „Die nackte Zahl an berufstätigen Frauen sagt nichts über die Qualität der Jobs aus. Es ist kein Zufall, dass zwei Drittel der insgesamt über sieben Millionen Minijobber weiblich sind.“ In Deutschland habe noch immer die Hälfte der Bevölkerung nur wegen ihres Geschlechtes eingeschränkte Berufsoptionen, schlechtere Entwicklungschancen, weniger Einkommen und weniger Rente.

          Das sehen nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der IG Metall auch die meisten Deutschen so. Die Meinung, dass Frauen in allen Bereichen den Männern „voll und ganz gleichgestellt“ seien, vertraten demnach nur 19 Prozent der Befragten. Eine Mehrheit war der Meinung, dass Kinder nach wie vor für Frauen im Beruf ein Hemmschuh seien. Die Eltern unter den Befragten wünschten sich demnach zu 90 Prozent familienfreundlichere Arbeitszeiten, 85 Prozent wünschten sich bessere Angebote zur Kinderbetreuung.

          Auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall forderte umfassendere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, um die Ungleichheit abzubauen. Allerdings gehe die Debatte über Einkommensunterschiede von Männern und Frauen an den eigentlichen Ursachen vorbei, sagte Hauptgeschäftsführer Oliver Zander: „Zieht man die Faktoren Qualifikation, Berufserfahrung, Branchenzugehörigkeit und familienbedingten Auszeiten ab, schrumpfen die behaupteten 22 Prozent Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen auf 1,9 Prozent zusammen.“

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