https://www.faz.net/-gyl-98tqs

Modernes Management : Rugby für das Büro

„Gute Scrum-Teams brauchen Zeit, um zu reifen,“ sagt Andreas Boes. Oft hakt es schon bei der Einführung. Natascha Derbort berichtet von einem Manager, in dessen Unternehmen die Zentrale schlicht ankündigte, man wolle künftig agil arbeiten. Für die meisten Mitarbeiter war schon der Begriff ein Fremdwort. Mit ein paar Schulungen ist es da nicht getan, also wird die fehlende Expertise oft eingekauft. Bedarf haben viele, wie ein Blick auf die gängigen Portale zeigt: Da sucht BMW einen Scrum-Master für sein Entwicklungsteam zum autonomen Fahren, die Bahn fahndet nach einem „Agile Coach“, und auch EY benötigt offenbar Hilfe, „um auf den Pfad des Scrum zu kommen“. Die Sache hat allerdings einen Haken: Ein Scrum-Master schafft die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes Team, arbeitet aber selbst nicht inhaltlich. Viele Unternehmen haben hinter der Position bislang keinen Karriereplan verankert. „Die Guten meiden daher oft die Rolle, dabei müssten die Besten zum Scrum-Master gemacht werden“, sagt Andreas Boes. Das offenbart die Achillesferse der agilen Methode: „Viele Unternehmen haben kein überzeugendes Konzept für die Führungskräfte.“

In Derborts Praxis erlebt man die Folgen. Ihre Patienten arbeiten oft schon lange im selben Unternehmen, haben einige Beförderungen hinter sich, und auf einmal sind Status und gewohnte Routinen passé. Viele stehen da erst mal vor dem Nichts. „Einige spielen auch mit dem Gedanken, zu kündigen“, sagt Derbort.

Wer bleibt und fortan beispielsweise Product Owner ist, muss sich umstellen. „Eine agile Führungsperson sollte sehr gut mit seinen eigenen Defiziten umgehen können“, sagt Jürgen Ackermann, Psychoanalytiker aus Frankfurt. Eine Fähigkeit, die in der alten Unternehmenswelt zwar nützlich, aber keineswegs notwendig war. Konflikte konnte ein Manager ja kraft seiner Position bisweilen einfach ersticken. Scrum dagegen lebt von Entscheidungen, die alle aus Überzeugung mittragen. „Debatten kann man da nicht mehr aus dem Weg gehen“, so Ackermann. Das überfordert viele – und birgt Gefahren für den Erfolg der neuen Arbeitsweise. Denn verlangt ein Product Owner, geprägt von der alten Denke, permanent zu viel, herrscht am Ende bei allen Frust.

Nur wenn sich jeder der Sache verschreibt, kann Scrum Früchte tragen

„Der Dreh- und Angelpunkt der agilen Methode ist das Empowerment des Teams“, fasst es Boes zusammen. Nur wenn sich jeder der Sache verschreibe, könne Scrum die gewünschten Früchte tragen. Eine Herausforderung – für sämtliche Mitarbeiter. Auch wer vorher keine Führungskraft war, kommt schließlich aus einem ganz anderen System. So missfällt dem einem die neue Offenheit durch die Daily-Scrums oder grundsätzlich die Arbeit in einem Team, während andere das Vorgehen in Sprints als unangenehm und Dauerstress wahrnehmen. Pikant ist zudem das Thema Expertenwissen. Für manche bislang eine Art Lebensversicherung, sollte in einem Scrum-Team niemand sitzen, der als Einziger auf einem Gebiet alles beherrscht. Denn fiele dieser aus, käme der laufende Sprint zum Erliegen – undenkbar im System Scrum. Andreas Boes hat bei vielen Unternehmen beobachtet, dass gerade ältere Mitarbeiter sich oft schwertun, ihr über die Jahre angesammeltes Wissen zu teilen. Funktioniert es jedoch, profitieren vor allem Jüngere mit weniger Berufserfahrung enorm. Ohnehin sehen diese in der Umstellung auf agiles Management oft die ersehnte Gelegenheit, aus dem starren Gefüge auszubrechen. Letztlich müsse es aber gelingen, alle mitzunehmen, mahnt Boes.

Wie gut das funktioniert, lässt sich aktuell kaum abschätzen. Bei vielen Unternehmen läuft die Umstellung noch oder steht erst am Anfang. Auch detaillierte Erkenntnisse, wie sich die neuen Methoden auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirken, gibt es noch keine. Burnout-Beraterin Natascha Derbort vermisst aber schon in der Umstellungsphase eine bessere Unterstützung von Seiten der Unternehmen. Viele suchen stattdessen Hilfe in der Beratungsstelle. Sie rät: „Die Betroffenen sollten versuchen, das Positive an der Umstellung zu sehen, selbst wenn es sich für sie nach einem Verlust ihrer Autorität anfühlt.“ Manche dürften sich allerdings wohl nur schwer daran gewöhnen, fürchtet sie. Am Ende verhält es sich wie beim Sport: Auch Rugby ist nichts für jeden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

Das heimlich aufgenommene Video, dass die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.
Durch die Druschba-Pipeline fließt zur Zeit kein Öl.

Versorgung stockt : Lieferstopp für russisches Öl trifft Ostdeutschland

Seit vier Wochen erreicht kein russisches Öl mehr die deutschen Raffinerien. In Berlin wurde nun sogar das Flugbenzin knapp. Immer mehr drängt sich die Frage auf, wer für den Schaden aufkommt.
Wolfgang Schäuble kritisiert den Drang nach „immer perfekteren Regelungen“ auch beim Bundesverfassungsgericht

FAZ Plus Artikel: 70 Jahre Grundgesetz : Mehr Freiraum!

Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.