https://www.faz.net/-gyl-6yme4

Mitarbeiter-Motivation : Jedem vierten ist alles egal

  • Aktualisiert am

Motivation sieht anders aus. Wer im Geiste schon gekündigt hat, dem ist alles egal. Bild: AFP

Wer sich montags ins Büro quält und dienstags schon das Wochenende herbei sehnt, hat nun zumindest einen Trost: Eine Studie zeigt, dass es vielen so geht. Die Folgen sind gravierend.

          Sie warten hauptsächlich auf den Feierabend, und wenn der Chef meckert, zucken sie nur noch mit den Schultern: Fast jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland hat laut einer Studie längst innerlich gekündigt.

          Die Mitarbeiter, die sich in Gedanken schon verabschiedet haben, fehlten häufiger, demotivierten andere und verursachten damit einen gesamtvolkswirtschaftlichen Schaden. Der könnte bis zu 124 Milliarden Euro jährlich betragen. Das schätzt zumindest die Unternehmensberatung Gallup, die diese Ergebnisse nun im Rahmen einer Studie zur Arbeitnehmerzufriedenheit veröffentlicht hat.

          Nur etwa jeder siebte (14 Prozent) ist nach der Umfrage Feuer und Flamme für seinen Betrieb. Die große Mehrheit (63 Prozent) mache im Großen und Ganzen Dienst nach Vorschrift. Und das, obwohl es vielen Unternehmen blendend geht und manche Beschäftigte üppige Prämien kassieren.

          Geld allein macht auch im Job nicht glücklich

          Fachleute meinen, in Büros und Werkshallen gibt es zu wenig Anerkennung. Sind Deutschlands Manager zu schlecht? Oder haben ihre Mitarbeiter die falsche Einstellung?

          Studienautor Marco Nink von der Unternehmensberatung Gallup sieht den Grund bei den Chefs. Die knauserten mit Lob, interessierten sich zu wenig für die Arbeit ihrer Mitarbeiter und bänden sie zu wenig ein. Dass Gallup zu diesem Ergebnis kommt und einen gewaltigen volkswirtschaftlichen Schaden beschreibt, wundert zunächst nicht. Die Berater verdienen ihr Geld in Deutschland auch damit, dass sie die Führungskräfte großer Unternehmen schulen.

          Doch trotzdem dürften einige Antworten aus der Umfrage die Personalabteilungen aufhorchen lassen: Nur jeder vierte wird für gute Arbeit vom Chef gelobt und nur jeder dritte meint, dass im Betrieb seine Meinung zählt. Nichts desto Trotz sagten neun von zehn Angestellten, sie seien zufrieden mit ihrer Arbeit. Etwa sechs von zehn gaben an, dass ihre Vergütung angemessen sei. Zufriedenheit und die emotionale Bindung an den Arbeitgeber seien aber zweierlei, sagt Nink. „Am Führungsverhalten hat sich in den letzten zehn Jahren wenig geändert.“

          Sind Deutschlands Chefs zu schlecht ausgebildet?

          Schlechte Mitarbeiterführung ist Gift für Unternehmen, besonders wenn der Fachkräftemangel weiter um sich greife, meint Carsten Steinert. Der Osnabrücker Professor für Personalmanagement fordert, dass Chefs besser für ihre Aufgabe ausgebildet werden. „Sie behandeln ihre Mitarbeiter nicht absichtlich schlecht. Der Grund ist häufig Unsicherheit - denn viele Führungskräfte werden ins kalte Wasser geworfen.“ Unternehmen könnten noch so viel ausgeben, um neue Leute anzuheuern. „Wenn die sich nicht wohlfühlen, sind sie schnell wieder weg.“

          Doch ein guter Chef allein bringe keine glücklichen und motivierten Mitarbeiter, meint der Deutsche Gewerkschaftsbund. Nach dessen „Gute-Arbeit-Index“ ist die Führungsqualität in Deutschland zwar nur mittelmäßig. Einkommen und Aufstiegsmöglichkeiten ließen aber noch mehr zu wünschen übrig. Auch der Druck steige: „Wieviel muss ich in welcher Zeit schaffen? Das ist ganz entscheidend.“ Das bestätigt die Universität Duisburg-Essen. Sie ermittelte im Krisenjahr 2009, dass die deutschen Beschäftigten längst nicht mehr so zufrieden seien wie vor 25 Jahren – wegen Arbeitsdrucks, geringer Lohnsteigerungen und schlechter Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

          Was ist eigentlich Arbeitnehmerzufriedenheit?

          In der Gallup-Studie schneidet Deutschland zwar regelmäßig besser ab als etwa China, Russland und Japan. In Ländern wie den USA, der Schweiz und Österreich fühlten sich aber deutlich mehr Angestellte ihrem Betrieb emotional verbunden. Deutschland liegt damit laut Gallup im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld.

          Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände will die Zahlen aktuell nicht kommentieren. In der Vergangenheit hatte man auf andere Studien verwiesen, die - je nach Fragestellung - andere Schlüsse nahelegen: Den Kranken- und Unfallversicherungen antworteten vor zwei Jahren jeweils weit mehr als 80 Prozent der befragten Männer und Frauen, ihre Arbeit bringe ihnen Anerkennung, sei vielseitig und abwechslungsreich.

          Laut OECD sind hierzulande 90 Prozent der Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden - ein ähnlicher Wert, wie ihn auch die Gallup-Studie ausgibt. Doch Zufriedenheit heiße eben nicht, dass Beschäftigte sich ihrem Arbeitgeber emotional verbunden fühlen. „Sehr häufig geht Zufriedenheit auch mit Passivität einher“, sagt Nink.

          Mit Mitarbeitern sprechen, Führungskräfte schulen

          Wer nur mit Kopf oder Händen, nicht aber mit dem Herzen bei der Arbeit sei, sei weniger leistungsbereit. Wer innerlich gekündigt habe, habe 2011 im Schnitt dreieinhalb Tage öfter gefehlt als jene 14 Prozent der Angestellten, die für ihre Firma brennen.

          Die Lösungen seien bekannt, würden aber zu selten beherzigt, sagt Professor Steinert: regelmäßige Mitarbeiter-Gespräche beispielsweise. Der Forscher schlägt vor, künftige Führungskräfte rechtzeitig durch Seminare auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Chefs müssten sich auch regelmäßig untereinander austauschen können, denn mit ihren Mitarbeitern könnten sie nicht über ihre eigenen Leistungen sprechen.

          Weitere Themen

          Papa im Dienstwagen

          Arbeitswelt : Papa im Dienstwagen

          Während die Kinder freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen, fahren die Eltern zur Arbeit – mit dem Dienstwagen. Aber wer hat eigentlich ein Dienstfahrzeug?

          Topmeldungen

          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.