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Wolfgang Kirsch : Kurz entschlossen zu den Kreditgenossen

Zwei Jahrzehnte Deutsche Bank: Wolfgang Kirsch hatte nichts anderes im Sinn - bis ein Anruf kam Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Nur ein Mal wechselt der Banker Wolfgang Kirsch die Stelle. Aber wie! Just als ihn die Deutsche Bank befördern will, kehrt er ihr den Rücken und wird statt dessen Volksbanker.

          Das nennt man dann wohl Rückschlag. Oder besser: doppelten Rückschlag. Es kann ja mal vorkommen, dass direkt am ersten Arbeitstag eine Katastrophe über den Neuankömmling hereinbricht. Aber Wolfgang Kirsch bringt in seiner Karriere das Kunststück fertig, den ersten Tag beim neuen Arbeitgeber gleich zweimal als denkwürdiges Ereignis erleben zu müssen. Um korrekt zu sein, einmal schafft er es nicht mal bis zum ersten Tag. Damals ist er 19 Jahre alt, hat das Abitur in der Tasche, nicht ohne Stolz den Wehrdienst abgeleistet und einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Herstatt heißt die Wunschadresse, doch bevor Kirsch seinen Fuß in die Tür setzen kann, schlittert das Bankhaus in eine spektakuläre Pleite.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele Jahre danach zieht Kirsch in die Vorstandsetage der DZ Bank ein. „Ich hatte gerade Platz genommen, da erhielt ich einen Anruf“, sagt er. Der Münchner Medienunternehmer Leo Kirch hat Insolvenz angemeldet. Kirsch ist in der Bank zuständig für das Risiko, besser gesagt für die Vermeidung desselben, und das Engagement bei Kirch ist ein Risiko. Ein großes sogar. „Meine Erwartungen, dass dies eine herausfordernde Aufgabe wird, sind nicht enttäuscht worden“, sagt er heute ein wenig schmunzelnd.

          Sind Sie ein Pragmatiker? „Unbedingt!“

          Rückblickend kann er davon locker erzählen, denn Wolfgang Kirsch ist an der Spitze der DZ Bank angekommen - an der Spitze einer Finanzwelt, die aus 1000 Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparda-Banken und PSD Banken besteht. Und so wie er in seiner ganzen Zurückhaltung auftritt, von seinen Grundsätzen berichtet, so würde man ihm eben auch bedenkenlos sein Sparbuch überlassen. Er sagt Sätze wie diesen: „Die Kompetenz, Lebenswege von Mitarbeitern mitzugestalten, empfinde ich als eine sehr große Verantwortung.“ Waren Sie schon immer der Typ Klassensprecher? „Klassensprecher war ich in der Tat, viele Jahre lang.“ Sind Sie ein Pragmatiker? „Unbedingt!“

          Kirsch weiß früh, welchen beruflichen Weg er einschlagen will. Und welchen nicht. Sein Vater ist Sportprofessor und hoher Funktionär im Leichtathletikverband. „Manche wollen das gleiche wie ihr Vater machen. Ich wollte etwas anderes als mein Vater machen“, sagt er. Höhere Töchter seien seinerzeit Ärztin geworden. „Ich wollte in die Wirtschaft.“ Als sich der Ausbildungsplatz bei Herstatt in Luft auflöst, wird ihm eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei dem Duftwasserhersteller 4711 angeboten. Den lehnt er ab. Stattdessen nimmt er einen zweiten Anlauf ins Kreditgewerbe und landet in der Deutschen Bank.

          Nach der Ausbildung studiert er in Köln Betriebswirtschaft und kehrt anschließend in die Deutsche Bank zurück - Kreditabteilung. Die Zeit ist ihm in bleibender Erinnerung, er spricht von „knechtlicher Arbeit“, von Lehrjahren, „die bewusst keine Herrenjahre sein sollten“. Das sei reichlich merkwürdig gewesen, denn als Fähnrich habe er ja schon mal Leute strammstehen lassen. Die Ausbildung wertet Kirsch heute aber als grundsolide.

          Ein „lokaler Mister Deutsche Bank“

          Sein Arbeitgeber ist mit ihm offenbar recht zufrieden. Schon mit 33 Jahren wird Kirsch 1988 zum Direktor der Deutschen Bank in Viersen. 160 Mitarbeiter sind ihm unterstellt. Als „lokaler Mister Deutsche Bank“ kennt er seine Pflichten, er tritt dem Lions Club bei, dem er bis heute angehört. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, fordert öffentliches Engagement von seinen Regionalfürsten. Für Kirsch ist das selbstverständlich, es bringt aus seiner Sicht zudem einen guten Nebeneffekt mit sich: „Aus der klugen Beobachtung der Menschen vor Ort lassen sich viele Rückschlüsse ziehen.“

          Über weitere Stationen in der Düsseldorfer Niederlassung erfolgt 1996 der Wechsel in die Zentrale nach Frankfurt. Dort ist er in leitender Position im Kreditgeschäft mit Firmenkunden tätig. Eines Tages spricht ihn Jürgen Fitschen, heute als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank für das Inlandsgeschäft verantwortlich, am Rande einer Veranstaltung an: „Sie haben einen Nachteil, Sie waren nie im Ausland.“ Gesagt, behoben: 1998 wechselt Kirsch nach Singapur, um die dortige Niederlassung zu leiten. „Ein Auslandsaufenthalt ist nicht für jedermann zwingend notwendig. Aber er ist ein persönlich wertvoller und vernünftiger Baustein, wenn man bestimmte Positionen anstrebt“, sagt Kirsch.

          Signale aus Frankfurt im fernen Asien

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