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Sylvia Schenk : Langer Atem statt dicker Waden

Gemütlich wird es selten: Sylvia Schenk Bild: Claus Setzer

Als Mittelstrecklerin handelte sie sich den Spott der Männerwelt ein. Mit ihrem Einsatz für Frauen im Sport und gegen Doping hat sie sich für den Vorsitz von Transparency International qualifiziert.

          Sport. Recht. Frauen. Die Aufgabengebiete, die Sylvia Schenk einst als Frankfurter Stadtdezernentin bearbeitet hat, sind weit mehr als die Betätigungsfelder einer engagierten Kommunalpolitikerin. Es sind die Themen ihres Lebens. Sie war Olympia-Neunte in München 1972, setzte sich als Politikerin und Funktionärin für moderne Wettkampfstätten und einen sauberen Radsport ein. Sie nutzte ihren juristischen Sachverstand als Arbeitsrichterin und später als Rechtsanwältin. Schließlich stritt sie dafür, dass sich alle Sportarten für Frauen öffneten, und erweiterte diesen Einsatz später auch aufs Berufsleben.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Hey, Mädchen“ - Leistungssport ist eine Männerdomäne

          Es ist eine andere Welt als die heutige, in der die gebürtige Niedersächsin internationales Wettkampfniveau erreicht: Rudern noch lange nicht olympisch, das Frauenfußball-Verbot wird erst 1970 aufgehoben. Und als Leichtathletin muss sie sich von vielen Männern respektlose Sprüche anhören: „Wenn ich auf der Straße trainierte, wurde hinterhergerufen: ,Hey, Mädchen! Du bekommst doch dicke Waden!‘“ Leistungssport ist im Deutschland der sechziger Jahre noch immer Männerdomäne. Und eine echte Alternative hat Schenk nicht – 200 und 400 Meter gibt es nicht für Mädchen. Bleibt die Frage: Sprint oder Mittelstrecke? Und nachdem sie bereits mit 14 Jahren langen Atem bewiesen hat, als sie für ein Sportabzeichen, ohne je trainiert zu haben, alle weit hinter sich lässt, wird sie schließlich Mittelstrecklerin, Weltrekordlerin mit der 4×800-Meter-Staffel und Olympiateilnehmerin.

          Logischer Schritt von der Leistungsportlerin zur Sportdezernentin

          Schon mit 23 Jahren beendet sie ihre Sportkarriere. Die Leistungen stagnieren, Verletzungen kommen hinzu. Und schließlich sucht sie nach dem ersten juristischen Staatsexamen die intellektuelle Herausforderung. Ihr Referendariat führt sie ans Landgericht; im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes (ADH) und im Deutschen Sportbund kämpft sie dafür, dass Sportlerinnen von Männersprüchen verschont werden. Und tatsächlich: Nach und nach öffnet sich die olympische Bewegung.

          Der bunte Hunde will nicht in den Staatsdienst

          Ungerechtigkeiten stoßen ihr nicht nur im Sport auf. Auch im Berufsleben erlebt sie bald Benachteiligungen. Ende der siebziger Jahre testet Schenk ihren Marktwert auf dem Arbeitsmarkt; beide Examina hatte sie mit 2 abgeschlossen. Sie bewirbt sich bei einem Frankfurter Notar – zwei Tage später kommt die Absage. Sie als Frau könne ja bald schwanger werden, man suche ausdrücklich einen männlichen Bewerber. „Ich wusste, ich brauche nur ,hallo‘ zu sagen, und bin im Staatsdienst. In Frankfurt war ich bekannt wie ein bunter Hund, brachte alle Voraussetzungen mit. Heute würde man sich die Finger danach lecken“, sagt Schenk so karriere- wie selbstbewusst. Damals aber waren die Zeiten andere. Die Sechsundzwanzigjährige nutzt ihre Popularität, startet eine große Pressekampagne gegen die Ungleichbehandlung: „Für mich war klar, das musste geändert werden. Das darf in der nächsten Generation nicht noch mal passieren.“ Und gleichzeitig wird ihr bewusst: Um etwas zu bewirken, muss sie sich politisch einmischen.

          Wie schon während ihrer Sportkarriere vernetzen sich auch jetzt ihre Aktivitäten. Am Arbeitsgericht baut sie auf die Fähigkeiten, die sie sich als Sportfunktionärin angeeignet hat. „Als ich anfing als Juristin, habe ich meine Urteile aus dem Stand diktiert“, erinnert sie sich. Vier Jahre lang hatte sie da als ADH-Präsidentin schon Gesprächsvermerke auf Bänder gesprochen. Wie auf der Aschenbahn ist sie mit ihren Urteilen meist als Erste am Ziel und kann sich nach getaner Arbeit politischen Aufgaben widmen: „Ich konnte mir nie vorstellen, nur in einer Sache hundertprozentig engagiert zu sein. Denn wenn man dort Ärger hat, hat man zu 100 Prozent Ärger.“

          „Willy wählen“ - die SPD-Karriere zeichnet sich ab

          Seit 1977 ist Sylvia Schenk Mitglied der SPD. Schon 1972 war sie zum Leidwesen ihrer Mutter in ihrem Wohnort Treysa mit dem Button „Willy wählen!“ durch die Straßen gezogen. Die Ostpolitik habe sie unmittelbar zu spüren bekommen. Wichen DDR-Sportler und -Trainer noch zu Beginn der siebziger Jahre allen Gesprächen aus, hatten sich während Olympia 1972 die Spannungen nahezu aufgelöst. Zunehmend bringt Schenk sich politisch ein, lässt sich 1981 auf die Liste für die Kommunalwahl setzen. 1984 zieht sie als Nachrückerin in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung ein. Und als Rot-Grün fünf Jahre später die Wahl gewinnt, ist sie so etabliert, dass sie zur Stadtdezernentin wird.

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