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Sabine Meyer : Solo für Klarinette

  • -Aktualisiert am

Ausnahme-Solistin ohne Allüren: Sabine Meyer Bild: privat

Der Beruf „Musikerin“ stand früh fest, nur das Instrument nicht. Nachdem die Geige aus dem Rennen war, entschied sich Sabine Meyer für die Klarinette, startete eine Weltkarriere und geriet in einen Eklat der Berliner Philharmoniker.

          In einer Seitengasse der Lübecker Altstadt, unweit von Trave und Holstentor, steht ein wunderschönes altes Ziegelhaus, an dessen Fassade die Blumen ranken. Im offenen Eingangsbereich stehen ein Flügel, ein Schallplattenspieler und ein Kamin, und eine Stahlgalerie führt zu einem Studio herüber. Ein Traum. Hier lebt eine der bemerkenswertesten Instrumentalistinnen der Gegenwart: die Klarinettistin Sabine Meyer, die als junge Frau, ohne ihr Zutun, für einen Eklat in den Reihen der Berliner Philharmoniker sorgte und seitdem auch einer breiten Öffentlichkeit als Ausnahme-Solistin bekannt ist.

          Ruhender Pol

          Ein stiller Montag. Sabine Meyer öffnet die Tür, die Klarinette in der Hand, und ein Schüler schlüpft heraus: „Ich unterrichte seit dem frühen Morgen.“ So bittet sie herein. Vor ihrem Sofa, das Franz Schubert aus einem Bilderrahmen überblickt, dampfen zwei Becher Kaffee. „Das Unterrichten ist wahnsinnig anstrengend. Jede Sekunde muss man bei der Sache sein.“ Sie setzt sich auf das Sofa: angewinkelte Knie, leicht zerzauste Haare, ein Kissen vor der Brust. Man könnte die 48-Jährige für keine zwanzig halten, so mädchenhaft ist ihre Figur. Als sei die Zeit stehengeblieben, seit sich Sabine Meyer ganz bewusst der Musik verschrieb – in einem Alter, in dem eigentlich alles wirr nach Orientierung sucht.

          Sie trat mit bedeutenden Musikern in aller Welt auf

          Doch Vater Meyer war durchaus einverstanden, dass seine Tochter schon mit 14, als Gymnasiastin, von einem Dorf bei Crailsheim ins hundert Kilometer entfernte Stuttgart zog, um an der dortigen Musikhochschule zu studieren. Er, sagt Sabine Meyer, war „der ruhende Pol in der Familie“, ein Musiklehrer und Organist. Bei ihm lernte sie das Musizieren, bis er von sich aus meinte, an die eigenen Grenzen zu geraten. Und mit ihm spielten sie gemeinsam in der Dorfkirche auf, um die Gottesdienste „feierlicher“ zu machen: der Vater an der Orgel, der Bruder Wolfgang an der Klarinette, Sabine vorerst an der Geige. „Die Faszination für die Musik“, sagt Meyer, war „schon immer“ vorhanden, ganz zwanglos. „Die Frage war nie, ob ich Musikerin werden wollte. Die Frage war, welches Instrument sich am Ende durchsetzen würde.“

          Die Geige nicht mehr angefasst

          Die Geige war es nicht. Sie zupft sich beide Ärmel über die Hände, ohne ihr Gegenüber anzuschauen: die Geige, mit der sie als Elfjährige noch die Bundeswertung von „Jugend musiziert“ gewann. Sie fährt sich durch die Haare und bricht in ein kurzes Lachen aus: „Die fasse ich heute nicht mehr an!“ Zwei Jahre später stand sie mit der Klarinette an gleicher Stelle. Es war nicht zu überhören, dass aus ihr mehr werden konnte als eine Siegerin bei „Jugend musiziert“.

          Die Familie rang sich zu der Stuttgarter Lösung durch. Sie wohnte bei Freunden und Verwandten, wählte zur Fortsetzung der gewöhnlichen Schulausbildung eine Waldorfschule, „weil die direkt neben der Musikhochschule lag“ – und ließ auch dort im wahrsten Sinne des Wortes: aufhorchen. War das alles nicht etwas viel, in diesem Alter? „Nein“, antwortet sie. „Ich habe bloß meine Eltern sehr bewundert, dass sie das für mich gewagt haben.“ Einmal pro Woche fuhr sie heim. Auch dann noch, als der Wochenplan längst von Konzerten und Wettbewerben bestimmt wurde. „Es ist merkwürdig“, sagt sie, „heute treffe ich nur noch Studenten, die Karriere machen und Solisten werden wollen. Damals ging es uns einzig darum, Musik machen zu dürfen.“

          Es war nicht schwer, sich mit kleineren und größeren Auftritten auch finanziell über Wasser zu halten. Ihr Talent beeindruckte, und wo sie als Schülerin und junge Frau auch hinkam, wurde Sabine Meyer bewundert und gefördert. Mochte sie auch nicht immer zufrieden mit den Auftritten sein, weil „bis heute nach jedem Konzert noch Fragen bleiben“ – die Konzerte gaben ihr Bestätigung, und die Bestätigung gab ihr Selbstvertrauen, und der Rest ergab sich „irgendwie von selbst“. Sie wechselte nach Hannover, um dort (wie ihr Bruder, mit dem sie sich eine Wohnung teilte) bei Hans Deinzer zu studieren, einer wahren Koryphäe. Ganze Wochenenden verbrachte Deinzer mit seinen Studenten, spazierte, kochte, sprach mit ihnen, wo es nur ging. „Hans Deinzer“, sagt sie, „hat uns gezeigt, dass man die Klarinette als eine Art Singstimme gebrauchen kann. Er hat uns beigebracht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.“ Sie sagt Deinzer und nicht Herbert von Karajan. Natürlich nicht. Denn über die „Sache mit Berlin“ möchte sie eigentlich nicht reden – obwohl gerade sie es ist, die der Klassikszene im Gedächtnis blieb.

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