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Rolf-Dieter Heuer : Mit Faust im Gepäck

  • -Aktualisiert am

Wissenschaftler mit Spaß am Management: Rolf-Dieter Heuer Bild: Michael Hauri

Rolf-Dieter Heuer leitet das Kernforschungszentrum Cern in Genf. Wie Goethes Faust will er ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

          Beinahe überwältigt kehrt der Besucher vom weitläufigen Areal des Kernforschungszentrums Cern vor den Toren Genfs zurück. 3 Milliarden Euro hat allein der Bau des Protonenbeschleunigers Large Hadron Collider (LHC) gekostet, der nach einem spektakulären Stillstand im November wieder in Betrieb gehen soll. Selbst ein vergleichsweise kleiner Detektor für den Protonenzusammenprall am LHC-Strang wie „Alice“, an dem mehr als 1000 Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten, verschlang gut 300 Millionen Euro. 100 Meter unter der Erdoberfläche steht das meterhohe Ungetüm, durchzogen von unzähligen Kabeln und eingehüllt in einen gut ein Meter dicken Eisenmantel und im Kraftfeld eines starken Magneten. Die Erforschung der Urmaterie ist der Sinn des großen Unterfangens, die Forschungseinrichtungen entsprechen dem mit ihren mammuthaften Ausmaßen.

          Und dann sitzt der Besucher im Büro von Rolf-Dieter Heuer, seit Jahresbeginn als Generaldirektor des Cern Herr über dieses Reich. Der etwa 30 Quadratmeter große Raum könnte derjenige eines Dekans in vielen deutschen Universitäten sein: helle Möbel, kleiner Besprechungstisch, Unterlagen vom Typ gebändigtes Chaos. Heuer ist gebürtiger Schwabe, promovierter Physiker, aber vor allem jemand mit dem Sinn fürs Praktische. Aus diesem Grund, so sagt er, sei er nicht Mathematiker geworden. Aus demselben Antrieb arbeite er gern in einem Netzwerk mit anderen Forschern. Hinzu kommt als Charakterzug die beständige Suche nach Neuem. Heuer hält es bei seiner am Cern betriebenen Grundlagenforschung mit Goethes Faust: erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Faust hat er vor knapp einem Jahr in einem Interview zitiert, und auch jetzt kommt er auf ihn zurück. Ähnlich wie Theater oder Literatur ist die scheinbar ziellose Grundlagenforschung für den Einundsechzigjährigen ein Kulturgut.

          Frühe Neigung zur Physik

          Im wissenschaftlichen Elfenbeinturm sitzt Heuer gleichwohl nicht. Der Begriff „lebensnah“ zieht sich wie ein roter Faden durch seine Biographie. Die Eltern, denen kriegsbedingt eine weiterführende Schule verwehrt blieb, ermöglichten ihm das Gymnasium in Stuttgart – fördernd, nicht fordernd, wie Heuer, einer der wenigen Deutschen an der Spitze einer internationalen Organisation, betont. Einen Bastelkasten für kleine Forscher habe er nie besessen, fährt er schmunzelnd fort, aber sein erster Physiklehrer habe ihn tief beeindruckt. „Wenn du nicht Physik studierst, verstehe ich die Welt nicht mehr“, habe dieser ihm einst gesagt. Zuletzt das Studium: aus finanziellen Gründen nicht irgendwo in der weiten Welt, sondern in Stuttgart mit der Studentenbude bei den Eltern.

          Der Schwabe leitet die größte wissenschaftliche Einrichtung der Welt

          Heuer gehört zu jenen glücklichen Menschen, deren Berufswunsch immer relativ klar war. Er bringt dies in Verbindung mit der Tatsache, dass ihn sein Hang zum logischen Denken geradewegs in die Naturwissenschaften (und bei den Sprachen zum Latein) führte. Der Wissenschaftler macht daraus eine Art Strategie. „Ich versuche, immer nur einen Plan A zu haben“, sagt er. Wer überall einen Plan B in der Hinterhand halte, begnüge sich zu leicht mit der Zweitklassigkeit, verdeutlicht er seinen Standpunkt.

          „Mir macht Management Spaß“

          Wissenschaft ist das eine, die Leitung der wohl bedeutendsten europäischen Einrichtung in der physikalischen Grundlagenforschung das andere. „Mir macht Management Spaß“, bekennt der Wissenschaftsmanager. Ihm fehle auch der Ehrgeiz, einen Nobelpreis anzustreben, fügt er als nicht ernsthafte Arabeske an. Immerhin: Der wissenschaftliche Hintergrund ist für Heuer bis heute von großem Nutzen. Das gilt für seine Zeit als Forschungsdirektor am Deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg ebenso wie für den Stand der Grundlagenforschung in Deutschland, für den Heuer nur lobende Worte findet. Aber wie sieht sein Rüstzeug in der Mitarbeiterführung aus? Hätte er nicht in Vorbereitung auf die neue Aufgabe gerne zum Beispiel einen Kurs in Business Administration besucht? „Wir lernen ja kein Management“, räumt Heuer ein. Den nächsten Satz formuliert er bewusst vorsichtig: „Es geht auch so, wie ich es gemacht habe“, sagt er.

          Das Wort Zurückhaltung gewinnt in der Managementwelt des Rolf-Dieter Heuer eine besondere Bedeutung. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger setzt er auf die Delegation von Aufgaben. Heuer geht es darum, für seine Forscher Freiräume zu schaffen, ihnen den Rücken freizuhalten und die Zusammenarbeit zu fördern. „Die Konsensfindung dauert etwas länger, aber alle sind in den Prozess eingebunden“, hebt der Chef des Cern mit seinen 2600 Mitarbeitern und mehr als 8000 Gastwissenschaftlern aus rund 85 Ländern hervor. Darunter befindet sich die Crème de la Crème aus Übersee, denn Grundlagenforschung ist ein Allgemeingut der Weltgemeinschaft. Er konzentriere sich darauf, die Fäden in der Hand zu behalten und die Strategie weiterzuentwickeln, beschreibt Heuer seine eigene Rolle. Aus seiner ersten Zeit am Cern zwischen 1984 und 1998 habe er gelernt: „Wenn die Physiker fragen, warum der Chef überhaupt hier ist, dann bin ich zufrieden.“

          Die Geburtsstunde des Internets

          Im Gespräch mit Heuer spürt der Besucher von Beginn an die schnelle Auffassungsgabe und die rasche Reaktionsfähigkeit seines Gegenübers. Er selbst glaubt, die konsensfähigen Elemente in einem Beratungsprozess leicht erkennen und ihn auf diese Weise verkürzen zu können. In seinem Alter muss sich der Cern-Chef nicht mehr profilieren, sondern kann sich den Sachfragen widmen. Und Neues schaffen. „Es war schon immer mein Ziel, nicht nur das Bestehende zu verwalten. Dafür ist das Cern der beste Ort“, bekräftigt er. Heuer will, dass seine Einrichtung, die größte internationale Organisation in der UN-Stadt Genf, mehr Ausbildung betreibt und die Vernetzung forciert. Die Globalisierung müsse sich am Cern noch mehr ausdrücken, findet er. Und der Transfer der hier betriebenen Grundlagenforschung in die Anwendung müsse besser vermarktet werden – „powered by Cern“ sozusagen als Gütesiegel. Heuer hat hier vielleicht das World Wide Web im Sinn. Nur die wenigsten wissen, dass es vor zwanzig Jahren von Forschern am Cern entwickelt wurde.

          Nicht zuletzt durch das Renommierprojekt LHC ist das Europäische Kernforschungszentrum, das von 20 Ländern getragen wird, plötzlich sehr viel stärker in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Heuer sieht dies nicht als Belastung, ganz im Gegenteil. Das damit verbundene Interesse an der Arbeit des Cern empfindet er als positiv. Die Organisation müsse und könne umfassender informieren. Aber dies mit klaren Regeln, sagt der Generaldirektor. Nicht der Erfolgsgehalt einer Meldung sei der Maßstab, sondern die Bedeutung und der Wahrheitsgehalt. Darüber hinaus dürfen zum Beispiel Pressemitteilungen nur versandt werden, wenn die Arbeitnehmer informiert seien.

          Der zweite Anlauf mit dem Beschleuniger

          Gleich in seinem ersten Amtsjahr steht Heuer vor der größten Herausforderung in seiner Karriere. Im September 2008 musste der LHC, bei dem in einem 27 Kilometer langen, ringförmigen Tunnel bei minus 271 Grad Celsius Protonen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinandergejagt werden, schon kurz nach seiner Betriebsaufnahme abgeschaltet werden; Grund war das Auftreten zu hoher elektrischer Widerstände in Teilen der Anlage, die das Kühlsystem des Teilchenbeschleunigers beschädigten. Jetzt hat der neue Chef die Wiederinbetriebnahme in seinem Pflichtenheft. Termin ist November, aber die Sicherheit der Systeme hat Vorrang. „Ein erneutes Scheitern wäre nicht so gut“, sagt Heuer und zieht im selben Atemzug Lehren aus der Vergangenheit. „Auch einen Neuwagen kann man nicht mit Volllast fahren“, formuliert er und hat die Order ausgegeben, zunächst nur mit reduzierter Leistung zu arbeiten. Noch in diesem Jahr Daten zu erheben lautet eine weitere Vorgabe des Generaldirektors.

          Eine Aufgabe hat Heuer schon bewältigt, nämlich die Niedergeschlagenheit der Mitarbeiter vom September durch Zuversicht zu ersetzen. Die Situation ist ein Klassiker für Managementfibeln. Heuer berichtet: Er habe versucht, die Wiederinbetriebnahme zu einer Gemeinschaftsaktion zu machen. Die Expertise aller Beteiligten war gefragt, entsprechend wurde in den ersten Wochen des neuen Jahres ein Workshop aus früheren Jahren wiederbelebt. Den Zeitplan legten die Wissenschaftler fest, nicht der „Boss“. Andererseits loben Mitarbeiter, dass ein Datum für den Neustart festgelegt sei und nicht ein Sankt-Nimmerleins-Tag. Ein solcher Fixpunkt sporne alle Beteiligten an, finden sie. Heuer wiederum bemüht sich um eine klare und umfassende Kommunikation; dies auch deswegen, um der Flut an Gerüchten, die in Internet-Blogs leicht entstehen, schon am Beginn die Kraft zu nehmen oder sie ganz zu verhindern. Vorläufig sieht sich Heuer auf relativ gutem Weg. Die mit dem Protonenbeschleuniger befassten Wissenschaftler seien „in gespannter Erwartung“, sagt er zur aktuellen Gemütslage am Cern.

          Zur Person:

          - Rolf-Dieter Heuer wird 1948 in Boll bei Göppingen geboren und wächst in Stuttgart auf. Auf Abitur und Physikstudium an der Universität in der Landeshauptstadt folgt die Promotion und wissenschaftliche Tätigkeit in Heidelberg.

          - 1977 wechselt Heuer zum Deutschen Elektronen-Synchroton (Desy) nach Hamburg. 2004 wird Heuer Forschungsdirektor am Desy für die Teilchen- und Astroteilchenphysik.

          - Zum 1. Januar 2009 erfolgt die Berufung für eine fünfjährige Amtszeit als Generaldirektor an das Cern. Dort muss er als Erstes die Wiederinbetriebnahme des großen Protonenbeschleunigers LHC überwachen, die für November geplant ist.

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