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Javier Solana : Reden und reisen für Europa

  • -Aktualisiert am

Sechseinhalbmal um die Erde: Javier Solana Bild: Rainer Wohlfahrt

Er studiert Physik und ist im Untergrund gegen Franco aktiv. Nach dessen Tod zieht es Javier Solana in die Politik. Heute ist er so etwas wie Europas Außenminister.

          Name und Gesicht haben sich seit langem eingeprägt. Doch sein Titel ist ein Wortungetüm, wie es nur die Europäische Union hervorbringen kann: Offiziell und in voller Länge müsste sich Javier Solana de Madariaga „Hoher Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und Generalsekretär des Ministerrats“ nennen oder nennen lassen. So etwas, meinte spitzbübisch der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, als er im Mai bei der Verleihung des Aachener Karlspreises eine launige Rede auf den Preisträger des Jahres 2007 hielt, dürfte eigentlich auf keiner Visitenkarte stehen.

          Der Spanier mit dem unverkennbaren Drei-Tage-Bart hat sich den Preis für seine Bemühungen um die Einigung Europas wahrhaft verdient. Mehr als 260 000 Kilometer hat er allein in diesem Jahr im Flugzeug zurückgelegt – das entspricht einer sechseinhalbfachen Erdumkreisung. Unermüdlich für Europa redend und reisend, ist er in dreißig Ländern gewesen. Zählt man alle Politiker mit, die er in den vergangenen Monaten in Brüssel getroffen hat, dann geht die Zahl in die Hunderte. Hinzu kommen ungezählte Gespräche am Telefon.

          Mit Charme und Engagement zum Ziel

          Einzigartig wie der Titel ist das Amt. Vergleichbares gibt es sonst nirgendwo sonst auf der Welt. Solana hat es im Oktober 1999 als Erster übernommen und bisher als Einziger ausgeübt. Durch seinen persönlichen Stil und die Art und Weise, wie er den nur vage beschriebenen Auftrag auslegt, hat er das Amt des EU-Chefdiplomaten im Grunde erst geschaffen. Die eine Telefonnummer in Europa, die sich einst Henry Kissinger wünschte, damit ein amerikanischer Präsident oder Außenminister wisse, wen er in einer Krise anzurufen habe, gibt es aber nicht – und es wird sie auf absehbare Zeit auch nicht geben. Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU wird, trotz erheblicher Fortschritte auf dem Weg zu größerer Gemeinsamkeit in den vergangenen Jahren, von den Mitgliedstaaten bestimmt. Die haben eigene Ansichten und Interessen; und sie werden die außenpolitische Zuständigkeit bis auf weiteres nicht an Brüssel abtreten. Das ist der politische Rahmen, in dem der Hohe Vertreter handelnd und gestaltend im Namen der EU auftreten kann. Genaugenommen bleibt er ein Beauftragter der Mitgliedstaaten.

          „Wer andere verletzt, erreicht nichts”

          Solana hat es gleichwohl verstanden, Spielräume, die sich bieten zu nutzen, ohne bei den Auftraggebern anzuecken. Darin besteht seine eigentliche Leistung in den vergangenen acht Jahren. Nur eine Art Sekretär zu sein hat ihm nicht genügt. Mit seinem Charme, der Freude an menschlichen Kontakten, einem rastlosen Engagement und der einschlägigen Erfahrung aus nunmehr fünfzehn Jahren ist es ihm gelungen, der gemeinsamen Außenpolitik der EU ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Dem Aussehen und Auftreten nach eher ein Intellektueller, sieht er sich doch als Pragmatiker und Mann der Tat, der etwas erreichen möchte. Manchmal neigt er zu Aktionismus. Und natürlich sind ihm kleine Eitelkeiten nicht fremd. Solana wirkt aber glaubwürdig, weil es ihm letztlich nicht um die eigene Person, sondern um die Sache geht: Er will die EU so weit bringen, dass sie sich ihrer weltpolitischen Verantwortung bewusst wird und ihre Rolle als „global player“ ernst nimmt.

          Auf die Frage nach seinem Verhältnis zur Macht antwortet er ausweichend. Lieber spricht er vom Dialog. Ein offenkundig nicht stark ausgeprägter Wille zur Macht ist vielleicht eine Erklärung dafür, warum Solana in seiner langen politischen Karriere höchste Führungspositionen in der nationalen Politik nicht erreicht hat.

          Clinton holte ihn zur Nato

          Einmal, 1995, war er als Spitzenkandidat der spanischen Sozialdemokraten und Ministerpräsident im Gespräch. Stattdessen wurde er im Herbst jenes Jahres Generalsekretär der Nato. Geplant habe er seine Karriere nie, versichert Solana. Meistens sei er auf Grund besonderer Umstände in ein Amt gelangt oder von anderen „geschoben“ worden. So hätten ihm zum Beispiel 1995 einige europäische Regierungschefs und Präsident Clinton angeboten, Nato-Generalsekretär zu werden. Und ähnlich sei es gewesen, als man ihn vier Jahre später aufgefordert habe, Hoher Vertreter der EU zu werden. Für Positionen wie diese bewirbt man sich nicht. Und wer zu offensichtlich drängelt, wird mit Sicherheit nicht berücksichtigt.

          Ohne den Diktator Francisco Franco, der von 1939 bis zu seinem Tod 1975 über Spanien herrschte, wäre Solana vielleicht nie Politiker geworden. Am 14. Juli 1942 in eine großbürgerliche Madrider Familie geboren, fühlte er sich als junger Mann zur Mathematik und zu den Naturwissenschaften hingezogen. Sein Vater war Chemieprofessor, seine Mutter Autorin und Wissenschaftlerin. Der Journalist, Schriftsteller und Diplomat Salvador de Madariaga, der im Exil lebte, war sein Großonkel. Solana studierte Physik in Madrid und betätigte sich im Untergrund für die damals noch verbotene Sozialistische Partei. Wegen politischer Aktivitäten exmatrikuliert, ging er 1963 in die Niederlande, wo er in einem Firmenlabor von Philips arbeitete. Anschließend setzte er sein Studium in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten fort. Er wurde Dozent für Physik an der Universität Virginia und blieb nach der Rückkehr in sein Heimatland zunächst Hochschullehrer. Als das Franco-Regime zusammenbrach, wurde er mit 35 Jahren ins Parlament gewählt. Damals habe er Politik und Wissenschaft noch miteinander vereinbaren können, sagt Solana. Nicht ohne Stolz verweist er auf etwa dreißig Fachveröffentlichungen, vor allem zur Festkörperphysik.

          Morgens wie ein Nord-, abends wie ein Südeuropäer

          Nach dem Wahlsieg der Sozialdemokraten 1982 wurde er Kulturminister und Regierungssprecher; 1988 übernahm er das Ressort Bildung und Wissenschaft. Nach vier weiteren Jahren folgte die Berufung zum Außenminister. Während seines Aufstiegs in der spanischen Politik galt Solana als enger Vertrauter des gleichaltrigen Ministerpräsidenten Felipe Gonzáles. Mit seiner gewinnenden Ausstrahlung, der Fähigkeit, politische und persönliche Freundschaften zu pflegen, und seinem Verhandlungsgeschick erwarb er sich als Außenminister schnell Anerkennung auf der internationalen Bühne. Sie wurde zu einer wesentlichen Voraussetzung für seinen weiteren Weg.

          Wer ihn in Aktion gesehen hat, erkennt, dass Solana von anderen Menschen „fasziniert“ ist, wie er sagt, und sie zunächst einmal grundsätzlich mag. Der beidarmige Händedruck, der freundliche Klaps auf die Schulter, die Umarmung wirken bei ihm so natürlich wie bei Bill Clinton. Persönliche Beziehungen sind für ihn eine wesentliche Voraussetzung, um in der Diplomatie etwas zu erreichen. „Ohne Respekt und Verständnis für den anderen ist es schwer, das für eine Übereinkunft notwendige Vertrauen zu schaffen.“ Härte in der Sache und Höflichkeit seien dabei kein Gegensatz. „Wenn Sie jemanden verletzen, werden Sie nie etwas erreichen.“

          „Ich habe nie Pläne geschmiedet“

          Um diese Lasten zu bewältigen, habe er sich angewöhnt, „morgens wie ein Nordeuropäer und abends wie ein Südeuropäer zu leben“, sagt Solana. Er schläft wenig, was man ihm oft ansieht, kommt nach eigenem Bekunden aber „mit fünf bis sechs Stunden pro Nacht“ aus. Um sich körperlich fit zu halten, ist er kürzlich zum „Walking“ übergegangen, denn laufen, wie früher, kann er wegen eines Knieschadens nicht mehr. Abends oder unterwegs im Flugzeug versucht Solana zu lesen. Nichts, was mit seiner Tätigkeit zu tun hätte, sondern in der Regel schöne Literatur. Begeistert erzählt er sofort von seiner derzeitigen Lektüre, dem dritten Band der Autobiographie von Elias Canetti. „Welch faszinierendes europäisches Leben!“

          Im Sommer 2009, wenn seine zweite Amtszeit zu Ende geht, wird der Hohe Vertreter der EU zusätzliche Vollmachten erhalten – vorausgesetzt, die kürzlich unterzeichneten Verträge von Lissabon werden von allen ratifiziert. Solana wäre dann 69 Jahre alt. Reizt es ihn trotzdem, weiterzumachen? Er antwortet diplomatisch und lässt sich alle Möglichkeiten offen: „Ich habe nie Pläne für irgendetwas geschmiedet und werde es auch in diesem Fall nicht tun. Ich lebe zufrieden ganz in der Gegenwart.“

          Zur Person:
          - Geboren am 14. Juli 1942 in Madrid. Studium der Physik in Spanien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

          - Dozent für Festkörperphysik an den Universitäten in Virginia und Madrid.

          - Seit 1977 für die spanischen Sozialdemokraten im Parlament. Nach deren Wahlsieg 1982 Kulturminister, Minister für Bildung und Wissenschaft sowie Außenminister.

          - Nato-Generalsekretär von 1995 bis 1999. Seither Hoher Vertreter für die gemeinsame Außenpolitik

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