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Ranga Yogeshwar : Der Missionar vom Himalaja

Erklär mir die Welt: Ranga Yogeshwar Bild: Kai Nedden

Nach einem Jahr in der Einsamkeit wusste Ranga Yogeshwar, was er wollte: Aufklären und damit die Welt ein Stück verändern. Dafür nimmt der Physiker und Fernsehjournalist so manches Risiko in Kauf.

          Am Anfang war das Ei. Und die Neugierde. Die Neugierde auf das Ei. Ranga Yogeshwar kramt aus einem Stapel ein Blatt Papier mit einer langen Formel hervor. "Durch diese Diffussionsgleichung versteht man, was beim Kochen eines Eis passiert", erklärt er dem Besucher. Aha! Braucht man dazu wirklich eine komplizierte Formel? Zugegeben, die Mathematik mache die Sache manchmal etwas kompliziert, aber sie sei eben die Strickleiter, auf der man sich auf die nächste Stufe der Erkenntnis hangele. "Dahinter schimmert immer ein größerer Plan - und der reizt mich." Wie beim Ei. Mit der Formel verstehe man, wie viel Energie für die Denaturierung, sprich das Kochen, von Eiweiß draufgehe. Erst danach wird es gefährlich für das wertvolle Eigelb. Die Natur habe da einen genialen Schutzschirm erfunden, schwärmt der Physiker. "Das finde ich cool."

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Neugierde und Enthusiasmus teilt Yogeshwar mit vielen Naturwissenschaftlern. Den meisten Kollegen hat er aber eines voraus: Der Einundfünfzigjährige kann mit der Begeisterung eines Kindes erzählen und Zuhörer in seinen Bann ziehen. Man folgt automatisch seinem Blick, wenn er mitten im Satz abbricht, weil er "etwas Faszinierendes" im Garten vor seinem Bürofenster in Hennef entdeckt hat. Ein andermal steht Yogeshwar vor selbstgemalten Bildern und ist wieder "fasziniert" von der Strahlkraft der Blautöne. Die Aura wirkt auch im Fernsehen.

          Der Bublath des 21. Jahrhunderts

          Mit Sendungen wie "Kopfball", "Quarks & Co." und "Wissen vor 8" ist Yogeshwar zum medialen Chefaufklärer über die großen und kleinen Wunder der Natur geworden. Von der fünfminütigen Vorabendreihe bis hin zur Unterhaltungsshow bedient der Joachim Bublath des 21. Jahrhunderts nahezu alle Fernsehformate. Yogeshwar verankert in den paar Minuten vor dem Wetterbericht mitunter mehr Wissen in den Köpfen als mancher Pädagoge in einer Doppelstunde.

          Kleine Flamme, große Wirkung: der Physiker experimentiert gern vor der Kamera

          Wenn es um seine TV-Präsenz geht, kommt er ohne Umschweife auf den Punkt. "Was ich im Fernsehen mache, hat viel mit Sendungsbewusstsein zu tun: Ich möchte die Welt verändern. Sonst würde ich nicht vor eine Kamera treten. Das kann ich nur, wenn ich was zu sagen habe. Wenn ich nichts zu sagen habe, dann bin ich froh, wenn ich das nicht muss." Dieses Sendungsbewusstsein habe er schon früh entdeckt. "Ich war Klassensprecher, das ist ja auch so ein spezieller Typus Mensch." Einer, der sich für andere einsetze, aber auch mal unbequem werde.

          Null Bock auf Star Wars

          Dabei will der Sohn einer luxemburgischen Kunsthistorikerin und eines indischen Ingenieurs in seiner Jugend zunächst in eine ganz andere Richtung gehen. Er erhält am Konservatorium in Luxemburg eine Klavierausbildung und gibt als ersten konkreten Berufswunsch den des Malers an. Nach der Schule reizen ihn jedoch auch Naturwissenschaften. "Ich war unsicher und neugierig", sagt Yogeshwar. "Ich habe nicht Physik studiert, um Physiker zu werden, sondern um wissenschaftliche Zusammenhänge zu erfahren." Also schreibt er sich an der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen ein.

          Es sind die frühen achtziger Jahre, geprägt vom Wettrüsten der Supermächte im Kalten Krieg, das die nuklearen Arsenale rund um den Globus rasant anschwellen lässt. "Star Wars" steht zu dieser Zeit nicht nur für ein epochales Sciene-Fiction-Werk, sondern auch für ein gigantisches Waffenprojekt, mit dem der amerikanische Präsident Ronald Reagan der sowjetischen Bedrohung Herr zu werden hofft. Der junge Yogeshwar hält es für Wahnsinn, was sich zwischen Washington und Moskau abspielt. Viele seiner Kollegen werden von der Rüstungsindustrie für viel Geld abgeworben. Die Gefahr eines Atomkrieges erscheint ihm riesengroß. "Da musste ich als Bürger einfach etwas tun." Aber was?

          Das nukleare Arsenal sichtbar gemacht

          Die Friedensbewegung gleicht in seinen Augen mehr eine Art "Karnevalsbewegung", parteipolitisch ist er nicht engagiert. Er will eine andere Kultur schaffen, und dafür braucht er Aufklärung. Also ruft er eine Ringvorlesung an der Hochschule über die Gefahren von Atomkraft ins Leben. "Spinnst du?!", bekommt er von arrivierten Wissenschaftlern am Institut zu hören, damit verbaue er sich einiges. Doch die Warnungen interessieren ihn nicht, er bucht einen der größten Hörsäle und legt los. "Der Saal platzte bald aus allen Nähten", sagt er heute und holt aus dem Regal ein Buch aus dem Jahr 1983, das schon ein bisschen auseinanderfällt. Er hat es begleitend zu den sechs Vorlesungsreihen herausgegeben. Man merkt ihm den Stolz auf dieses Frühwerk an. Er schlägt eine Grafik auf mit vielen schwarzen Punkten - jeder steht für die gesamte im Zweiten Weltkrieg eingesetzte Sprengkraft. "Wir haben das nukleare Arsenal einfach mal sichtbar gemacht." Was heute gang und gäbe ist, war damals Grundlagenarbeit.

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