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Orit Gadiesh : Chairman auf hohen Hacken

In der Armee den Respekt vor Menschen gelernt: Orit Gadiesh Bild: Rainer Wohlfahrt

Erst diente sie beim israelischen Militär, dann ging sie nach Harvard, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Heute leitet Orit Gadiesh eine der größten Beratungsfirmen der Welt.

          Es gibt viele Geschichten, die über Orit Gadiesh kursieren. Dass sie ihre Stöckelschuhe in Besprechungen gerne mal auf den Tisch des Vorstandsvorsitzenden schwingt, ist so eine. Oder dass sie die großen silbernen Schmuckstücke, mit denen sie Ohren, Hals und Arme behängt, selbst entwirft. Nicht zu vergessen die Geschichte, dass sie ihre Bewerbung für die Harvard Business School einen Freund schreiben ließ, weil sie selbst damals kein Wort Englisch konnte. Sie stimmen alle, zumindest fast. „Beim Kunden habe ich noch nie die Füße auf den Tisch gelegt“, betont Gadiesh und schiebt einen dieser lauten Lacher hinterher, die häufig ihren Redefluss unterbrechen. „Das mache ich nur in meinem eigenen Büro.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ihr Auftreten macht Orit Gadiesh zu einer Ausnahmeerscheinung in der Welt der Unternehmensberater, in der normalerweise unauffällig gekleidete Männer auf möglichst unauffällige Weise Unternehmen nach bislang unentdeckten Sparpotentialen und Umsatzquellen durchleuchten. Andere Geschäftsfrauen fliegen schnell von der Karriereleiter, wenn sie auffallen, wenn sie anecken, nicht Orit Gadiesh. Sie hat es bis zur Chefin der Unternehmensberatung Bain gebracht, einer der größten Beratungsgesellschaften der Welt. Was maßgeblich damit zusammenhängt, dass ihre Wegbegleiter ihr eine außergewöhnlich hohe Intelligenz bescheinigen und deshalb ihre Ratschläge ebenso akzeptieren wie ihre Extravaganz.

          Städte planen in Israel

          Die prägendste Zeit in ihrem Leben war ihre Jugend. Anfang der fünfziger Jahre wurde die Frau mit der schwarzen krausen Mähne in Israel geboren, zu der genauen Jahreszahl hüllt sie sich in Schweigen. Ihre Mutter stammt aus der Ukraine, ihr Vater aus Deutschland. Seine Familie war vor den Nazis geflohen. Im Alter von 17 Jahren ist Gadiesh mit der Schule fertig und absolviert den obligatorischen Militärdienst. Nicht irgendwo, sie dient beim zweitwichtigsten Mann der israelischen Armee, beobachtet in der Kommandozentrale Entscheidungen über Leben und Tod. „Dort bin ich erwachsen geworden. Ich habe gelernt, andere Menschen zu respektieren, ganz gleich woher sie kommen und was sie vorher gemacht haben. Und ich habe gelernt, auch mit unvollständigen Informationen Entscheidungen zu treffen.“

          „Wenn Sie als Frau etwas Dummes sagen, erinnern sich die Leute länger daran”

          Anschließend beginnt sie, an der Hebräischen Universität von Jerusalem Psychologie zu studieren, weniger aus Interesse an dem Fach, sondern weil es einer von drei Zugangswegen zum Studium der Städteplanung ist, und genau das ist ihr Ziel. Sie will Städteplanerin werden. „In einem so jungen Land wie Israel reizte mich das.“ Doch mit jedem Semester fesselt sie die Psychologie mehr, das ursprüngliche Berufsziel rückt in den Hintergrund. Sie ist so gut, dass sie nach dem Bachelor-Abschluss direkt ihre Doktorarbeit schreiben könnte, ohne zuerst den Master-Abschluss zu machen. „Doch dann fragte ich mich, ob ich wirklich den Rest meines Lebens Vorlesungen halten und Paper schreiben will.“ Die ersten Zweifel sind da.

          Bewerbung für Harvard auf hebräisch

          Sie mehren sich, als Gadiesh einen Freund trifft, der an der Harvard Business School studiert. „Ich fand interessant, was er erzählte und dass Harvard kein wirtschaftswissenschaftliches Studium voraussetzte.“ Sie schreibt ihre Bewerbung auf Hebräisch, weil sie kein Englisch kann, und lässt sie sich übersetzen. Gadiesh wird angenommen und reist mit 400 Dollar und einem Stipendium nach Amerika. So außergewöhnlich wie Außenstehende findet sie das alles nicht, aber Gadiesh hat sich damit abgefunden, dass ihr Lebenslauf immer wieder für Erstaunen sorgt, sie ihre Geschichte immer wieder erzählen muss.

          In Amerika angekommen, ist Gadiesh erst einmal geschockt. „Ich kann mich noch gut an meine erste Fallstudie erinnern. Sie hatte elf Seiten, und ich brauchte fünf Stunden, bis ich sie mit Hilfe meines Wörterbuchs durch hatte.“ Keinen Gedanken, zurück nach Israel zu gehen? Gadiesh lässt sich mit einer Antwort Zeit, lässt ihren Blick aus den bodentiefen Fenstern der Bain-Niederlassung in Paris schweifen, wo sie eines ihrer zwei Büros hat, schaut über die Dächer der Stadt und den Elysée-Palast. „Es war eine harte Zeit. Ich konnte kein Englisch, ich hatte keine Ahnung von Wirtschaft, aber ich bin noch nie vor etwas weggelaufen.“ Dabei bleibt es.

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