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Nikolaus Gelpke : Der Taucher im Speicher

  • -Aktualisiert am

Irgendwas mit dem Meer wollte Nikolaus Gelpke machen. Er gründete Mare. Bild: Anna Mutter

Von einem Schweizer, der auszog, um von Thomas Manns Tochter etwas über die Meere zu lernen. Und wie Nikolaus Gelpke daraus ein Magazin machte.

          Natürlich ist das alles kein Vergleich: der rote Backstein nicht, die Speicherhäuser nicht, auch nicht das Dröhnen der Ozeandampfer, das gelegentlich vom Hafenwasser herüberzieht. Und doch hat es Nikolaus Gelpke mit diesem Büro im vierten Stock des Sandthorquaihofes in Hamburg kaum schlechter angetroffen als mit dem Haus an der kanadischen Küste, dem Fluchtwinkel, vor dem sich das Meer ihm einst eröffnete und eine Gedankenwelt gleich mit dazu. Denn wo sonst als in der Hamburger Speicherstadt, in der sie einst Importgüter lagerten wie Kaffee oder Gewürze, wären Geschichten besser aufgehoben, die vom Drama der Meere handeln: von den Booten, von den Menschen, von der Schwerelosigkeit vor allem.

          „Medusen“, sagt Gelpke, der Träumer als Kaufmann. Er zieht einen der Merkzettel von der Wand, die mit Hunderten gelben Aufklebern tapeziert ist; auf jedem Zettel die Idee zu einer noch ungedruckten Geschichte. „Ernst Haeckel und Medusen“ steht auf dem in seiner Hand. „Der kann jetzt weg, der hat es nach zehn Jahren endlich ins Heft geschafft.“ Nikolaus Gelpke, „Mare“- Gründer, Chefredakteur und Verleger, ist einer der leisen Stars der Branche, die zuweilen kaum noch weiß, was das heißt: abzutauchen in Geschichten.

          Verzaubert von den Fischern in Italien

          Ein Journalist ist Gelpke nicht. Auch kein Fotograf. Er ist Schweizer und war als Junge verzaubert von den Fischern, die er in Italien sah: stolz und breitbeinig standen sie auf ihren Kähnen, der Brandung zum Trotz. „Das war es ja, was mich faszinierte: dieses Gefühl der Schwerelosigkeit.“ Er brauchte das Meer.

          Wo sonst als in der Hamburger Speicherstadt wären Geschichten besser aufgehoben, die vom Drama der Meere handeln?

          Also lernte er segeln. Und tauchen. Er tauchte sich immer weiter fort von dieser Welt. Ein bisschen so, wie man die Luft anhält unter Wasser, um die Sekunden zu zählen. Nur ernsthafter, ja manischer. „Alles verliert sich im Nichts“, sagt Gelpke, „alles schwebt. Und dazu diese totale Stille, bei Nacht die vollkommene Dunkelheit.“ Nikolaus Gelpke, der Taucher, jagte im Wasser dem eigenen Atem hinterher und hielt Distanz. Zu denjenigen Tauchern vor allem, die sich beim Umziehen am Strand schon gern bewundern ließen. Den Angebern.

          An Land konnte es nur Mutters Dunkelkammer mit diesen Tauchgängen aufnehmen. Die Mutter war Fotografin, machte Porträt- und Reportageaufnahmen für Magazine. Der Moment an ihrer Seite, in dem das Fotopapier im Chemiebad erste Konturen zu zeigen begann: auch ihn meint Gelpke, wenn er von „multisinnlichen Erlebnissen“ spricht.

          Sämtliche Tauchscheine mit dem Abitur

          Als er Abitur machte, hatte er nicht nur sämtliche Tauchscheine erworben und ein Jahr bei einem um ihn besorgten Deutschlehrer gelebt, sondern auch den Blick durch den Sucher, nach dem entscheidenden Ausschnitt, verinnerlicht. Die Bücher und Bildbände in seinen Zimmern sollen zerfleddert gewesen sein, darunter das „Große Buch der Ozeane“, das er ebenso verschlang wie die Filme und Reiseberichte des Abenteurers Jacques Cousteau. Es kommt noch heute gelegentlich auf den Tisch der Redaktionskonferenzen von „Mare“ in Hamburg.

          Die Mutter wollte einen Berufswunsch hören nach dem Abitur: „Irgendetwas mit dem Meer“, antwortete Gelpke. Und fügte ein „Ich will eine Stimme für die Meere sein“ hinzu. Was will man da antworten?

          Glücklicherweise hatte sie Freunde, die einen Draht nach Kanada hatten – zu Elisabeth Mann Borgese, der Lieblingstochter Thomas Manns. Die war zwar eigentlich ausgebildete Pianistin, mittlerweile aber Professorin für Seerecht an der Universität Halifax. „Ich lebe allein“, riet sie ihm, „wenn Sie sich um meine Hunde kümmern möchten, können Sie gern hier studieren und bei mir wohnen.“

          Leben bei Klaus Manns Schwester

          Darauf ließ er sich ein. Geld konnte er als Taucher für die Austernfarm der Universität verdienen, er mochte das Körbesäubern unter Wasser, mit Drahtbürste und geschlossenen Augen. Und seit er am ersten Abend bei Elisabeth Mann Borgese bekannte, allenfalls die Bücher ihres Bruders Klaus, nicht aber die des Vaters zu mögen, schätzte sie irgendwie auch ihn, den aufrichtigen Wirrkopf. „Es klingt ein bisschen komisch“, sagt Gelpke, er läuft im Büro hin und her, ein Hexenschuss, Sie verstehen, „aber sie wurde für mich zu einer mütterlichen Freundin, zu einer Mentorin.“ Es gibt Tage, an denen fühlt er sich, als beobachte ihn Elisabeth Mann Borgese nach wie vor.

          Die Zeit in Halifax. „Das war ziemlich unglaublich.“ Seminare an der Universität besuchte Gelpke nur sporadisch. Dafür sammelte er Erfahrungen bei der Frau, für die Thomas Mann, im ersten Jahr nach ihrer Geburt, 1919 den „Gesang vom Kindchen“ erdichtet hatte. Bei einer Idealistin.

          Elisabeth Mann Borgese: 1970 das einzige weibliche Gründungsmitglied im „Club of Rome“, Autorin des alarmierenden Sachbuchs „Das Drama der Meere“, Kopf der „Pacem in maribus“-Symposien und beteiligt an der Ausgestaltung eines neuen Seerechts. Eine linksliberale Botschafterin der Ozeane, wie man nach ihrem Tode 2002 schrieb. Nikolaus Gelpke brach auf die Nachricht hin zusammen. „Was ich ihr zu verdanken habe . . . “ Er schließt den Satz nicht ab. „Sie braucht das Meer, und das Meer braucht sie. Beide um zu überleben – und um ihrer Freiheit willen.“ So schrieb er es einmal. Er erkannte in ihr wohl sich selbst.

          Schubert in Halifax gehört

          Abends, wenn er auf den Atlantik hinausblickte im einsamen Haus in Halifax, hörte er sie Schubert spielen. Und kichern. Schlief die alte Dame ein, im Sessel, ein Weinglas in der Hand, suchte er es rechtzeitig vor dem Aufprall auf den Boden aufzufangen. Er suchte ihr Gespräch, wo immer es möglich war. Erst recht, nachdem ihre Bibliothek umgestürzt war: „Ich musste sie komplett neu ordnen. Ein System finden für diese Riesensammlung. Fast alle Bücher handelten vom Meer.“ In dieser Bibliothek will er erstmals gemerkt haben, wie endlos und vielfältig die Geschichten sind, die das Meer erzählt.

          Die Mentorin überredete ihn zu einem Studium der Meereskunde in Kiel. Sie stellte ihm, wenn sie in Europa war, Persönlichkeiten vor wie Jacques Picard – „Ich durfte in einem seiner U-Boote später als Kopilot arbeiten“ – oder Michael Gorbatschow. Und sie hätte es gern gesehen, wenn Gelpke nach der Promotion bei ihr im Institut eingestiegen wäre.

          Aber dazu kam es nicht. Zwar schrieb er eine Arbeit über den „Einfluss von Licht auf die Verfügbarkeit von Eisen für Phytoplankton“, war auch auf diversen Forschungsschiffen mit von der Partie. Doch vor der entscheidenden Prüfung war da diese Idee, entstanden beim Durchblättern einer „Spiegel“-Ausgabe: „Der ‚Spiegel‘ teilt die Welt auf in verschiedene Sparten“, er hat diese Geschichte schon oft erzählt, „ich fragte mich, ob sich nicht ganz ähnlich auch die Vielfalt des Meeres abbilden ließe. Mit einer Zeitschrift, die sich nur dem Meer widmet.“ Gemeinsam mit drei Freundinnen trieb er die Idee voran, bis aus ihr 1997 die erste Ausgabe von „Mare“ geworden war. Ohne die Frauen, sagt er, „wäre wohl nur ein Mitteilungsblatt für Meeressüchtige herausgekommen“.

          Ein Himmelfahrtskommando

          Eine monothematische Zeitschrift, zu einem Zeitpunkt, da Deutschlands Verleger jeden Glauben an lange Kulturreportagen und eine ruhige Optik über Bord warfen? Eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Warum das trotzdem funktionierte, immer wieder preisgekrönt, mit Titelthemen wie „Muschel“, „Welle“, „Blau“ oder „Eis“: Es waren wohl die Optik, der Tonfall und die Sehnsucht, natürlich. Die Schwerpunktausgaben, an die man sich bis zur Umstrukturierung Ende 2006 hielt, sind längst zu Sammlerstücken geworden, oft vergriffen.

          Der Artikel, den Gelpke selbst für die Erstausgabe von „Mare“ schrieb, nannte sich „Atlantische Sehnsucht“. Dass die Ausgabe auch ein Gelpke-Stück über Elisabeth Mann Borgese enthielt, so wie später auch der „marebuchverlag“ mit einem Buch von ihr eröffnete, verstand sich von selbst.

          Es ist spät geworden im Eckbüro des Sandthorquaihofes. Gelpkes Haare sind zerzaust. Er hätte gern mehr erzählt, vom „International Ocean Institute“ vor allem, das Elisabeth Mann Borgese einst gegründet hatte, dessen Stiftung er vorsteht. Doch heute geht das nicht. Erst ein Bewerbungsgespräch. Dann die Klausurtagung der Redaktion in Hiddensee. Und hinter ihm, auf einem Sofa, hängen Druckfahnen über der Lehne. Es sind große, blaue Aufnahmen vom Horizont. Und von Stränden, die Gelpke am liebsten im Winter mag, wenn sie einsam sind und leer. Das ist es, das „Mare“-Gefühl. Dreiviertel dieser Welt bestehen aus Wasser. Viel Raum für die Suche nach Freiheit, Stille, Schwerelosigkeit.

          Zur Person

          • Nikolaus Gelpke wird 1962 in Zürich geboren. Er wächst in der Schweiz und in Italien auf. Nach dem Abitur lebt er bei der Seerechtlerin Elisabeth Mann Borgese in Kanada.
          • Ab 1984 studiert er in Kiel Meeresbiologie, arbeitet aber auch als Taucher etwa für Jacques Piccard.
          • 1997 gründete Nikolaus Gelpke die Kulturzeitschrift „Mare“, die alle zwei Monate erscheint. Hinzu kamen später der „marebuchverlag“ und „mare tv“.
          • Gelpke ist verheiratet und lebt in Kiel - am Meer, natürlich.

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