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Mustafa Koç : Der neue Mann vom Bosporus

Inventur an Neujahr: Mustafa Koç ging durch eine harte Schule Bild: ddp

Er führt das größte türkische Firmenimperium auf die Weltmärkte. Dabei nutzen Mustafa Koç seine internationale Ausbildung und die Fähigkeit, anderen Leuten gut zuzuhören.

          Nicht immer war es für Mustafa Koç ein Vergnügen, in der dritten Unternehmergeneration seiner Familie der Älteste zu sein. Also jener, der eines Tages an der Spitze des größten Mischkonzerns der Türkei stehen sollte. Eine Unternehmensgruppe, die bescheiden begonnen hatte, als Vehbi Koç, der Großvater, 1917 in Ankara einen Krämerladen einrichtete und es gegen den Rat seines Vaters nicht dabei beließ. Der Name Koç ist so alt wie die Republik Atatürks, bald stand er für die Industrialisierung des jungen Landes. Als Vehbi Koç 1928 die Vertretung von Ford übernahm, warnte ihn sein Vater: „Du wirst dein Geld verlieren, lass die Finger davon!“

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Vehbi Koç ließ nicht die Finger davon, und bald hatten die Koç mehr Geld als alle anderen Türken. Der Großvater baute als Händler und Industrieller stürmisch ein Imperium in einem Umfeld auf, das noch weit von der Globalisierung entfernt war. Hohe Zollschranken schützten damals die junge türkische Wirtschaft. Sein Sohn Rahmi Koç konsolidierte dann den Mischkonzern, testete neue Branchen und nahm in einem liberaleren Umfeld wichtige Weichenstellungen vor. Internationale Wettbewerbsfähigkeit und Professionalisierung des Managements hießen seine Vorgaben.

          Kein goldener Löffel im Mund

          Die drei Söhne von Rahmi Koç sollten aber nicht denken, sie seien mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Vielmehr sollten sie hart arbeiten, und so bestellte er seinen Ältesten, den 1960 geborenen Mustafa, an Neujahrstagen zur Inventur in die Warenlager. Seine Freunde feierten, dem Sohn tat es weh. Er lernte aber, dass auch ihm, dem Erben von Koç, nichts in den Schoß gelegt werden würde. Und von der Pike auf lernte er das Handwerk des Managers und Chefs. Heute weiß er, dass es eine gute Schule war.

          Die Koç-Holding lenkt ein Imperium aus rund 100 Firmen

          Natürlich besuchte Mustafa Koç auch richtige Schulen. Erst das österreichische Gymnasium in Istanbul, wo er Deutsch lernte. Das Abitur legte er dann in der Schweiz im Internat Alpinum Zuoz ab. Dazwischen lagen immer wieder Lehrzeiten in einem Unternehmen der Familie. 1984 machte er an der George Washington University in Washington D.C. den Bachelor im Fach Betriebswirtschaft. Seine jüngeren Brüder Ömer und Ali sammelten nach ihren Studien noch Berufserfahrung in den Vereinigten Staaten. Mustafa aber war schon zu tief in das Geschäft eingestiegen. Denn gerade hatte er den Abschluss in der Tasche, da zog sich der Großvater Vehbi Koç aus dem täglichen Geschäft zurück und übergab den Stab an seinen Sohn Rahmi.

          Viele Fremdsprachen, westliche Ausbildung

          Theorie und Praxis flossen zusammen. Als Mitglied der dritten Generation, die internationaler und dynamischer ist als ihre Vorgänger, beherrscht Mustafa viele Fremdsprachen: Englisch, Deutsch und Französisch. Auch wenn er bedauert, in der Schule gerade Letztere vernachlässigt zu haben. Französisch ist aber die Sprache seiner Frau, von Caroline Giraud, die einer französisch-levantinischen Unternehmerfamilie entstammt, welche seit Generationen in Izmir zu Hause ist.

          Bei aller Theorie und Wissenschaft: Dass sich Unternehmersein nicht anhand von Modellen erlernen lässt, wird gerade bei Mustafa Koç deutlich. Jeder muss irgendwann entscheiden und dabei die richtige Entscheidung treffen. Freunde und Mitarbeiter loben seine Fähigkeiten, zuzuhören und Informationen zu sammeln, die Menschen einzuschätzen, was sie wissen, und durch Fragen Schwachstellen aufzudecken. Seine Entscheidungen haben Gewicht, seitdem sein Vater Rahmi 2003 nach zwei Jahrzehnten den Vorsitz des Vorstandes an Mustafa weitergegeben hat.

          Als Unternehmer und auch als Sportler hat Mustafa das Risiko im Blick. Aus seinen Grenzen, die ihm wohl bewusst sind, entstehen die Risiken, denen er sich gegenübersieht. In Nakkastepe, der Unternehmenszentrale über dem Bosporus, minimiert er das Risiko, indem er im Zweifelsfall lieber noch einen weiteren Rat einholt. Einmal sagte er: „Stelle Leute ein, die besser sind als du, und lerne von ihnen!“ In keiner anderen Familienholding der Türkei hat daher die Familie, nach der ein Mischkonzern benannt ist, professionellen Managern so viel Verantwortung übertragen wie bei Koç. Und in Maslak, dem Istanbuler Stadtteil mit dem weitläufigen Golfplatz, versucht Mustafa Koç das Risiko zu minimieren, indem er dann, wenn sich zwischen ihm und dem Loch ein Hindernis in den Weg stellt, nicht auf Glück losschlägt, sondern den sicheren Umweg wählt. Er weiß, dass sich der Erfolg dann einstellt, wenn er gut vorbereitet ist. „Ohne Fleiß kein Preis“, das hat er früh im Deutschunterricht gelernt. Er kennt seine Grenzen, er weiß, wo er sich zurückhalten sollte, hat aber den Erfolg im Blick. Wird er einmal nur Zweiter und Dritter, stößt ihn das nicht in eine Depression. Es ermuntert ihn vielmehr, das nächste Mal die Sache anders, besser anzupacken.

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