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Michael Kurth : Jenseits von cool

  • -Aktualisiert am

Im inneren Exil: Michael Kurth könnte gerade viel Geld verdienen - will er aber nicht Bild: Edgar Schoepal

Mehr als zehn Jahre lang stand Michael Kurth als Rapper Curse auf der Bühne. Auf dem Höhepunkt trat er ab - weil der Erfolg ihn nicht ausfüllte.

          Zur vollständigen Freiheit fehlen Michael Kurth zwei Buchstaben. „FREIIT“ prangt in großen, roten Lettern an der Wand seines Tonstudios in Köln. Und das, obwohl sich der Musiker aus dem Korsett des Rappers Curse, der er mehr als zehn Jahre lang war, befreit hat. „Ich habe losgelassen“, sagt Kurth. Aber die Spuren von Curse sind allgegenwärtig - nicht nur die riesigen Buchstaben aus Pappe, Relikte des Bühnenbildes seiner letzten Tournee. Freiheit, der Albumtitel, das Lied, das er gemeinsam mit Marius Müller-Westernhagen einsang, nahm vorweg, was sein Leben im Anschluss bestimmen sollte. Das Streben nach Glück, nach Sinn, nach Erfüllung. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens ließ er Curse ruhen und wurde wieder zu Michael Kurth. „Es fühlt sich gut an“, sagt der 33 Jahre alte Musiker.

          Michael Kurth trägt nicht mehr den akkurat rasierten Bart von Curse und nicht mehr die markante Brille. Aus Eitelkeit, sagt er, und keinesfalls, um seinen Wandel auch sichtbar zu machen. Den Plan, das Pseudonym Curse künftig nicht mehr zu verwenden, hat er wieder aufgegeben. „Das war zu konstruiert“, sagt Kurth. „Ich bin natürlich Curse. Das, was ich in den letzten zehn, 15 Jahren gemacht habe, bin alles voll und ganz ich.“

          Die markante Stimme von Curse ist verstummt

          So moderiert er auch weiter als Curse - die englische Abwandlung seines Nachnamens - einmal in der Woche nachts im Programm des Kölner Radiosenders Eins Live. „Aber ich liefere im Moment nicht die Musik und nicht die Inhalte, mit denen mich viele Leute identifizieren. Ich habe seit anderthalb Jahren keinen Rap-Song mehr geschrieben.“ Damit bringt er sich ums Geschäft. Jetzt, da ein Rapper wie Casper, der sich von Curse beeinflusst und inspiriert fühlt, bis auf Platz eins der deutschen Hitparade stürmt, ist die markante Stimme von Curse verstummt. „Eigentlich wäre jetzt die beste Zeit für ein Curse-Album“, sagt Kurth. „Aber es geht eben nicht nur um Marktforschung.“

          „Curse, bitte wach auf“, steht in regelmäßigen Abständen auf der Facebook-Seite des Künstlers. „Du hast Treue geschworen und mehr, du hast gesagt, du vergibst mir, du hast gesagt, du wirst da sein, doch als du weggingst, was blieb mir?“, halten ihm Fans seine eigenen Liedtexte vor, seit er im vergangenen Jahr verkündete, vorerst keine Rap-Musik mehr zu machen. „Es gab viele Leute, die wahnsinnig enttäuscht waren, die hasserfüllte Mails geschrieben haben, dass sie jetzt ihre komplette CD-Kollektion von Curse verbrennen“, sagt Kurth. „Aber zwischen den Zeilen steht da ja eigentlich: Deine Musik hat mir unheimlich viel bedeutet.“

          Nicht mehr der Getriebene sein - und auch nicht mehr der Antreiber

          Sie bedeutet auch Kurth so viel, dass er nicht mir ihr brechen kann. Aber er hat neue Herausforderungen gefunden, die ihn reizen. Er schreibt Lieder für andere Musiker und steht mit seiner neuen Band „The Achtung Achtung“ auf der Bühne. Er will die Menschen mitnehmen auf seinem Weg, auch wenn er nicht weiß, wohin der eigentlich führt. „Es geht nicht darum, von A nach B zu kommen. Es gibt kein Ziel, kein da will ich hin. Denn wenn ich dann da bin, ist es wohl eher ein peinlicher Moment. Was mach ich denn dann?“ Er will nicht mehr wie früher der Getriebene sein und auch nicht mehr der Antreiber. „Zum ersten Mal seit langem bin ich damit einverstanden, dass ich nicht weiß, wo es in nächster Zeit hingeht. Es gibt keinen Dreijahresplan, vielleicht einen Dreimonatsplan. Es gibt keine Absicherung. Das genieße ich.“

          Im Alter von 14 Jahren hatte es Kurth in seiner Heimatstadt Minden nach monatelangem Bitten in ein Tonstudio geschafft, in dem amerikanische GIs ihre Rap-Musik aufnahmen. „Jetzt mach halt mal“, sagten sie ihm, nachdem er stundenlang gewartet hatte. „Ich habe zehn Minuten ohne Pause durchgerappt“, erinnert sich Kurth. „Und als ich wieder aus der Gesangskabine kam, war alles anders.“ Ein Zivildienstleistender im Kindergarten hatte ihn einst für diese Subkultur begeistert, als Gymnasiast fing er an, Texte zu schreiben und zu vertonen. „Auch, wenn es bescheuert klingt: Die Texte der schwarzen Amerikaner konnte ich auf meine Situation als Außenseiter übertragen. Das Gefühl: Ich bin wer, ich bin was wert, hört meine Stimme, das hat mich zu hundert Prozent getroffen“, sagt Kurth.

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