https://www.faz.net/-gyl-yg6d

Meinhard Miegel : Zwischen Ideen und Ideologien

Vom Institutsdirektor zum Netzwerker: Meinhard Miegel prägt die gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Erst brachte er den Deutschen bei, was Demographie bedeutet. Jetzt hat sich Meinhard Miegel ein neues Thema vorgenommen: die Wachstumsgläubigkeit.

          Wer den Stellenwert von Meinhard Miegel einschätzen will, muss auf das Ende der Denkfabrik schauen, die er einst gegründet hat: Das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn (IWG) fand im Jahr 2008 keinen Nachfolger für den Wissenschaftler, weil niemand das erforderliche (und von ihm vorgezeichnete) Profil erfüllte. Keiner der Kandidaten war gleichzeitig ein ausgezeichneter Forscher, konnte seine Ergebnisse der Öffentlichkeit vermitteln und hatte das Talent zum Fundraiser, der mit privaten Spenden den Fortbestand sicherstellen konnte. Und so wurde das IWG, das den Deutschen mühevoll beigebracht hat, wozu der demographische Wandel, die ungebremste Staatsverschuldung und die strukturelle Arbeitslosigkeit führen, einfach geschlossen. Mit einem Fest zum Abschluss.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Seither hat der gebürtige Wiener einen Rollenwechsel vollzogen: Seine Stiftung „Denkwerk Zukunft“ hat sich nicht weniger vorgenommen als die „Erneuerung unserer Kultur“ – eine Art geistig-moralische Wende des 21. Jahrhunderts. Miegel geht es aber nicht um den schwammig ausgelegten politischen Kampfbegriff der frühen achtziger Jahre; sein Ziel ist konkret: Die Menschen in den Industriestaaten sollen lernen, dass ihr Streben nach Wachstum das einst gegebene Wohlstandsversprechen kaum noch erfüllen kann. Zudem überfordere es eine alternde Gesellschaft psychisch und sozial. Mit einem Netzwerk ähnlich denkender Wissenschaftler versucht er, seine Vision mit Leben zu füllen. Was bedeutet ein Ende des Wachstumsmodells für Bildung, Ernährung, die städtische Infrastruktur, das Bewusstsein und nicht zuletzt den Bereich, den er seit langem mit seinem Forscherdrang seziert hat: den Sozialstaat?

          „Wir haben nie echte Preise für den Umweltverbrauch gezahlt“

          „Die Länder mit dem höchsten Wachstum haben auch die höchsten unbeglichenen Rechnungen“, sagt Miegel. „Wir haben nie echte Preise für den Umweltverbrauch gezahlt. Seit wir zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Gebrauch zum Verbrauch übergegangen sind, gehen wir an die Substanz.“ Es sei bemerkenswert, wie lange Gesellschaften an ihren Denkmustern festhielten, obwohl sich die Anzeichen mehrten, dass diese nicht mehr funktionierten. „Wir sitzen in einem Segelboot, dessen Segel falsch gesetzt sind, weil der Wind gedreht hat“, sagt er. Immerhin aber würden erste Anzeichen sichtbar, dass die Gesellschaft lerne.

          Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die heutige Art des Wirtschaftens könne nicht fortgesetzt werden, stimmen ihn optimistisch – auch wenn Widersprüche zum Wachstumsziel noch ausgeklammert bleiben. Die Arbeit einer Bundestags-Enquetekommission, der er angehört und die nach alternativen Wohlstandsindikatoren suchen soll, könnte das möglicherweise ändern. „Plötzlich wird mit bemerkenswerter Offenheit gesprochen. Ich habe das Gefühl, da bricht etwas“, sagt Miegel.

          „Ich habe die DDR ohne Gepäck verlassen“

          Der Widerstreit zwischen Ideen und Ideologien ist Meinhard Miegel zu einem Antriebsmotor geworden. In Wien geboren, aber in der frühen DDR aufgewachsen, spürte er schon als Schüler die unauflöslichen Widersprüche im Denken staatlicher Vertreter und des Elternhauses. Gegenüber der Schule stand dann auch noch das katholische Pfarrhaus. „Was man zu hören bekam, war völlig verquer, das musste man aushalten. Die Geschichten aus der Kirche waren zwar nicht überzeugender, reichten aber aus, um das Weltbild aus der Schule zu erschüttern.“

          Nach dem Abitur beginnt er, in Weimar Musik zu studieren. Durch drei bis vier Stunden tägliches Üben an der Violine ist er zu einem hoffnungsvollen Talent herangereift. Doch an der Universität kommt es zum Bruch mit dem System. Miegel überwirft sich mit dem Instrukteur des Marxismus-Leninismus-Kurses, erhält ein Studierverbot und wird einer Maurerkolonne zugewiesen. „Ich habe die DDR ohne Gepäck, nur mit einer Ledertasche verlassen.“ Ohne finanzielle Unterstützung aber gibt er im Westen auch das Ziel auf, Berufsmusiker zu werden. „Ich wollte nicht im Palmengartenorchester enden“, erklärt er heute den Wechsel zum Philosophie-Studium. Auf Anregung des Frankfurter Wirtschaftsrechtlers Heinrich Kronstein, der später sein Doktorvater wird, wechselt er Ende der fünfziger Jahre für zwei Jahre an die Georgetown-Universität in Washington. Philosophie und Politikwissenschaft sind seine Fächer, Musik wird endgültig von der Karriereoption zum Freizeitausgleich.

          Neben den Studieninhalten muss er sich die Sprache erschließen – in der DDR hat er kein Wort Englisch gelernt. Nun paukt er jeden Tag 30 Vokabeln, nach einem Jahr verzehnfacht er seinen Stundenlohn im Nebenerwerb, weil er von der Bibliothekskraft zum Nachrichtenschreiber der „Voice of America“ avanciert. 1961 erhält er das Angebot, amerikanischer Staatsbürger zu werden. In einem naiven Ausspruch erklärt er aber, in einem Kontinent leben zu wollen, in dem es Kommunisten und Faschisten gibt. „Heute würde ich sagen, in konstruktiv spannungsreichen Gesellschaften mit geistig-politischen und künstlerischen Auseinandersetzungen“, korrigiert er sich nachträglich, altersweise geworden.

          Nach dem Referendariat ein gefragter Mann

          Also kehrt er auf den alten Kontinent zurück, studiert Jura, wird mit einer Arbeit über den Unternehmensbegriff im Aktienrecht promoviert und ist nach dem Referendariat ein gefragter Mann. „Henkel suchte dringend jemanden, der mit dem neuen Kartellrecht umgehen konnte.“ Schon seine Vorgesetzten ahnen aber, dass er in dem Konzern nicht lange bleiben würde. „Ich reiste, erhielt ein gutes Einkommen, wurde gut behandelt. Der Karriereweg war programmiert, auf dem ich nur die Stufenleiter nehmen musste. Aber ich fühlte mich immer eingebunden, hatte Funktionen zu erfüllen, war eingespannt in ein Programm.“

          Die neue Herausforderung kommt ein Vierteljahr später in Gestalt von Kurt Biedenkopf nach Düsseldorf. Wie Miegel Kronstein-Schüler, wie dieser CDU-Mitglied. Keine drei Jahre später leitet er den Karriereschwenk ein, wird Generalsekretär, Miegel seine rechte Hand und Leiter der Hauptabteilung Politik im Konrad-Adenauer-Haus. Das Gespann strebt Politik mit Konzepten an, erfindet die „Neue Soziale Frage“: Wie bringt man die nicht organisierten gesellschaftlichen Gruppen zur Partizipation? Immer wieder aber stoßen sie an Grenzen. „Wir arbeiteten so unfundiert, ich war aus der Uni und der Wirtschaft anderes gewohnt.“

          Die Partei dagegen, vom späteren Kanzler Helmut Kohl geführt, betreibt Politik aus dem Bauch heraus. Es kommt zum Bruch. 1977 gründen die zwei Abtrünnigen das IWG. Den ersten „Think Tank“ in Deutschland. Privat finanziert. Kein Geldgeber darf mehr als 2 Prozent des Etats stellen. „Geben Sie viel oder geben Sie wenig, aber geben Sie für drei Jahre“, wird zum Leitspruch des Fundraisers Miegel. Sie treiben die Politik vor sich her. Frühzeitig erklären sie die keynesianische Ausgabenpolitik für gescheitert, weil die Wirtschaft nicht mehr das Wachstum erzeugen könne, das nötig wäre, um mit den Schulden klarzukommen.

          Das Thema Demographie hat er enttabuisiert

          Schon in den frühen achtziger Jahren beherrscht der wachstumsskeptische Ton Miegels Analysen. Das Rentensystem wird zu einem der wichtigsten Themen des Instituts. Ein Sponsor bringt ihn mit Versicherern der britischen Lloyd’s zusammen, die für eine Analyse des Rentensystems demographische Daten verlangen. „Das demographische Potential in Deutschland bestand zu dieser Zeit aber gerade aus einer Handvoll Leuten. Und die konnten nur mit angezogener Handbremse forschen.“ „Mutterkreuz“ und „Blut und Boden“ schleudern ihm später Störer in seinen Vorträgen entgegen. Bis heute wird er angefeindet. Differenzierter ist die Kritik von seinem langjährigen Gegenspieler Norbert Blüm. Miegel habe die Kapitaldeckung der Rente angestrebt, ohne das gesamte Modell vollständig durchzurechnen und die Frage zu beantworten, wie man den Übergang schaffe. „Mein Einwand gegen das Institut lautet: Die Überschriften waren besser als die Details“, bemängelt der ehemalige Sozialminister.

          Nach vielen Jahren des stetigen Bohrens ist es Miegel indes mit einigen anderen Mitstreitern gelungen, das Thema Demographie zu enttabuisieren. Im achten Lebensjahrzehnt hat er sich nun auf die neue Herausforderung eingelassen und die Stelle als Institutsdirektor gegen die des Netzwerkers eingetauscht. Die für sein Thema notwendige Beschäftigung mit den Naturwissenschaften bereichere. „Ich weiß nicht, wie die Sache ausgeht“, sagt er nachdenklich. „Aber der Einstieg ist hoffnungsfroh: Keiner setzt heute mehr auf das Wachstumskonzept, das noch bis vor zwei Jahren vorherrschend war.“

          Zur Person

          Meinhard Miegel wird am 23. April 1939 in Wien geboren. In Weimar beginnt er 1957 mit einem Musikstudium, verlässt die DDR aber bald im Konflikt.

          Nach einem Philosophie- und Jura-Studium erhält er 1967 seinen juristischen Doktortitel.

          Er arbeitet drei Jahre für den Henkel-Konzern. 1973 wechselt er in die Bundesgeschäftsstelle der CDU.

          1977 gründet er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn. Noch vor dessen Auflösung 2008 ruft er das „Denkwerk Zukunft“ ins Leben.

          Weitere Themen

          Hipster, ab aufs Land!

          FAZ Plus Artikel: Strukturwandel : Hipster, ab aufs Land!

          Die Bundesregierung will benachteiligten Regionen helfen: mit Geld und schnellem Internet. Dass sich dort mittlerweile bizarrerweise Pendlerströme umkehren, kann man mit diesen Mitteln aber nicht beheben. Denn oft geht es um ein Lebensgefühl.

          Topmeldungen

          Angriff auf Eritreer : Opfer wegen der Hautfarbe

          Der Schütze von Wächtersbach handelte aus rassistischen Motiven. Der niedergeschossene Eritreer war laut den Ermittlern ein Zufallsopfer. Ein Abschiedsbrief liefert ein weiteres Detail zur Tat.
          Außenminister: Jean-Yves Le Drian (links) und Heiko Maas (rechts)

          Regierungsbeschluss : Berlin will vorerst keine Schiffe an den Golf schicken

          Außenminister Heiko Maas will sich der Strategie Amerikas nicht anschließen. Da ist er sich mit seinem englischen und französischen Amtskollegen einig. Stattdessen sieht er die Anrainer in der Pflicht.
          Winfried – Markus, Markus – Winfried: Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Bayern, Kretschmann und Söder, in Meersburg

          FAZ Plus Artikel: Bayern und Baden-Württemberg : Auf der Südschiene

          Markus Söder und Winfried Kretschmann bemühen sich um Nähe zueinander. Der eine will umweltfreundlicher wirken, der andere ein wenig konservativer. Und beide sind sich einig, dass Deutschland einen starken Süden braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.