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Meinhard Miegel : Zwischen Ideen und Ideologien

Neben den Studieninhalten muss er sich die Sprache erschließen – in der DDR hat er kein Wort Englisch gelernt. Nun paukt er jeden Tag 30 Vokabeln, nach einem Jahr verzehnfacht er seinen Stundenlohn im Nebenerwerb, weil er von der Bibliothekskraft zum Nachrichtenschreiber der „Voice of America“ avanciert. 1961 erhält er das Angebot, amerikanischer Staatsbürger zu werden. In einem naiven Ausspruch erklärt er aber, in einem Kontinent leben zu wollen, in dem es Kommunisten und Faschisten gibt. „Heute würde ich sagen, in konstruktiv spannungsreichen Gesellschaften mit geistig-politischen und künstlerischen Auseinandersetzungen“, korrigiert er sich nachträglich, altersweise geworden.

Nach dem Referendariat ein gefragter Mann

Also kehrt er auf den alten Kontinent zurück, studiert Jura, wird mit einer Arbeit über den Unternehmensbegriff im Aktienrecht promoviert und ist nach dem Referendariat ein gefragter Mann. „Henkel suchte dringend jemanden, der mit dem neuen Kartellrecht umgehen konnte.“ Schon seine Vorgesetzten ahnen aber, dass er in dem Konzern nicht lange bleiben würde. „Ich reiste, erhielt ein gutes Einkommen, wurde gut behandelt. Der Karriereweg war programmiert, auf dem ich nur die Stufenleiter nehmen musste. Aber ich fühlte mich immer eingebunden, hatte Funktionen zu erfüllen, war eingespannt in ein Programm.“

Die neue Herausforderung kommt ein Vierteljahr später in Gestalt von Kurt Biedenkopf nach Düsseldorf. Wie Miegel Kronstein-Schüler, wie dieser CDU-Mitglied. Keine drei Jahre später leitet er den Karriereschwenk ein, wird Generalsekretär, Miegel seine rechte Hand und Leiter der Hauptabteilung Politik im Konrad-Adenauer-Haus. Das Gespann strebt Politik mit Konzepten an, erfindet die „Neue Soziale Frage“: Wie bringt man die nicht organisierten gesellschaftlichen Gruppen zur Partizipation? Immer wieder aber stoßen sie an Grenzen. „Wir arbeiteten so unfundiert, ich war aus der Uni und der Wirtschaft anderes gewohnt.“

Die Partei dagegen, vom späteren Kanzler Helmut Kohl geführt, betreibt Politik aus dem Bauch heraus. Es kommt zum Bruch. 1977 gründen die zwei Abtrünnigen das IWG. Den ersten „Think Tank“ in Deutschland. Privat finanziert. Kein Geldgeber darf mehr als 2 Prozent des Etats stellen. „Geben Sie viel oder geben Sie wenig, aber geben Sie für drei Jahre“, wird zum Leitspruch des Fundraisers Miegel. Sie treiben die Politik vor sich her. Frühzeitig erklären sie die keynesianische Ausgabenpolitik für gescheitert, weil die Wirtschaft nicht mehr das Wachstum erzeugen könne, das nötig wäre, um mit den Schulden klarzukommen.

Das Thema Demographie hat er enttabuisiert

Schon in den frühen achtziger Jahren beherrscht der wachstumsskeptische Ton Miegels Analysen. Das Rentensystem wird zu einem der wichtigsten Themen des Instituts. Ein Sponsor bringt ihn mit Versicherern der britischen Lloyd’s zusammen, die für eine Analyse des Rentensystems demographische Daten verlangen. „Das demographische Potential in Deutschland bestand zu dieser Zeit aber gerade aus einer Handvoll Leuten. Und die konnten nur mit angezogener Handbremse forschen.“ „Mutterkreuz“ und „Blut und Boden“ schleudern ihm später Störer in seinen Vorträgen entgegen. Bis heute wird er angefeindet. Differenzierter ist die Kritik von seinem langjährigen Gegenspieler Norbert Blüm. Miegel habe die Kapitaldeckung der Rente angestrebt, ohne das gesamte Modell vollständig durchzurechnen und die Frage zu beantworten, wie man den Übergang schaffe. „Mein Einwand gegen das Institut lautet: Die Überschriften waren besser als die Details“, bemängelt der ehemalige Sozialminister.

Nach vielen Jahren des stetigen Bohrens ist es Miegel indes mit einigen anderen Mitstreitern gelungen, das Thema Demographie zu enttabuisieren. Im achten Lebensjahrzehnt hat er sich nun auf die neue Herausforderung eingelassen und die Stelle als Institutsdirektor gegen die des Netzwerkers eingetauscht. Die für sein Thema notwendige Beschäftigung mit den Naturwissenschaften bereichere. „Ich weiß nicht, wie die Sache ausgeht“, sagt er nachdenklich. „Aber der Einstieg ist hoffnungsfroh: Keiner setzt heute mehr auf das Wachstumskonzept, das noch bis vor zwei Jahren vorherrschend war.“

Zur Person

Meinhard Miegel wird am 23. April 1939 in Wien geboren. In Weimar beginnt er 1957 mit einem Musikstudium, verlässt die DDR aber bald im Konflikt.

Nach einem Philosophie- und Jura-Studium erhält er 1967 seinen juristischen Doktortitel.

Er arbeitet drei Jahre für den Henkel-Konzern. 1973 wechselt er in die Bundesgeschäftsstelle der CDU.

1977 gründet er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn. Noch vor dessen Auflösung 2008 ruft er das „Denkwerk Zukunft“ ins Leben.

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