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Mehmet Daimagüler : Ein Traum von Integration

„Die Universität empfand ich als großen Süßigkeitsladen“

Nach dem Abitur ging es mit Volldampf weiter. Zunächst studierte er Jura in Bonn. „Ich wollte ein geregeltes Einkommen haben und ein Haus. Jeden Morgen die Tageszeitung im Briefkasten, eine nette Frau und ein paar wohlgeratene Kinder am Frühstückstisch.“ Nach vier Semestern hatte er alle Scheine und schaute sich woanders um: Er studierte Volkswirtschaft bis zum Vordiplom, machte Scheine in Romanistik und Philosophie und besuchte Kurse in Aktzeichnen, Fechten und Rudern. „Die Universität empfand ich als großen Süßigkeitsladen.“

Außerdem wurde er „Zweiter Hilfsassistent“ des damaligen stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden Gerhart Baum. Damit war er der erste türkische Assistent im Deutschen Bundestag. Ab 1990 leitete er dann das Büro von Wolfgang Kubicki und war mit 22 Jahren der jüngste Büroleiter im Bundestag - und der erste Türke. Mit dem FDP-Politiker ging er später nach Schleswig-Holstein.

Nach dem Ersten Staatsexamen wurde er Rechtsreferendar in Siegen. Zurück in der Heimat, machte er eine verblüffende Erfahrung: „Ich hatte vergessen, wie ich war, wer ich war. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, mein neues Ich zu konstruieren, dass die Erinnerung an meine Kindheit und mein altes Ich verblasst waren.“ Er fühlte sich verunsichert. „Erneut schwankte ich zwischen Identitäten und Charakteren.“

Er wollte ein Leben, das besser ist als es ihm alle zugetraut hatten

Beruflich und gesellschaftlich ging es mit ihm freilich weiterhin nur aufwärts. Auf Vorschlag von Ignatz Bubis wurde er „Young Leader“ bei der Atlantik-Brücke, einem vornehmen Verein zur Stärkung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Mitte der neunziger Jahre suchte der FDP-Abgeordnete Burkhard Hirsch einen Mitarbeiter – und Daimagüler hatte wieder eine Stelle im Bundestag.

Nach dem Zweiten Staatsexamen zog es ihn nach Berlin. Und er wollte in die Wirtschaft. „Vielleicht war das auch ein unbewusster Reflex auf meine Kindheit: ein Leben zu führen, das so ganz anders wäre als das Leben, das andere für mich vorgesehen hatten.“ Daimagüler heuerte bei der Boston Consulting Group an, einer Unternehmensberatung. Dort habe er in dreieinhalb Jahren viel gelernt.

Immer auf der Suche nach neuem Wissen

In dieser Zeit wurde er auch in den Bundesvorstand der FDP gewählt. In die liberale Partei war er zuvor unter anderem eingetreten, weil ihm die politischen Standpunkte von Gerhart Baum gefielen, vor allem dessen Einsatz für die Bürgerrechte. Im Laufe der Jahre entfremdete sich Daimagüler jedoch von der FDP, auch weil sie seiner Meinung nach die Integrationspolitik vernachlässigte. 2005 wurde er nicht mehr in den Bundesvorstand gewählt. 2008 trat er aus der Partei aus.

Daimagüler war wieder auf der Suche nach neuem Wissen: So ging er nach Harvard und machte einen Master of Public Administration. „Zum ersten Mal habe ich nicht gearbeitet und ein richtiges Studentenleben geführt“, erzählt er. An der Elitehochschule habe er sich sehr wohl gefühlt. „Unter 60 Prozent Ausländern war ich kein Exot mehr.“ Außerdem sei er endlich als Deutscher betrachtet worden.

Nach Harvard ging er als „World Fellow“ an die Yale University: Ein Semester lang konnte er an der Elitehochschule unterrichten und gleichzeitig studieren. Wieder probierte er sich auf einem neuen Feld aus: An der Yale School of Drama, der renommiertesten Film- und Kunsthochschule der Vereinigten Staaten, belegte er Kurse in „TV Script Writing“. „Ich wollte machen, was ich noch nie in meinem Leben gemacht habe und nie wieder machen würde.“

Gefragter Anwalt in deutsch-türkischen Belangen, Absolvent von Harvard und Yale, „Young Leader“ der Atlantik-Brücke und später noch „Global Young Leader“ des Weltwirtschaftsforums – Daimagüler hat viel erreicht. Auch innerlich sei er vorangekommen, sagt er. „Ich versuche nicht mehr dazuzugehören, indem ich so tue als ob.“ Inzwischen wisse er vieles aus seiner Vergangenheit zu schätzen. „Mein Elternhaus, in dem Bildung hochgehalten wurde, meine Geschwister, die mich unterstützt haben, meine Kindheit auf dem Land, meine multikulturelle Herkunft – und dass ich mich nie habe unterkriegen lassen.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem Plausch mit dem Zeitungsmann.

Die Zeit vergesse ich ...

... ganz selten.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss verstehen, dass das Recht kein Geschäft ist.

Erfolge feiere ich ...

... selten und wenn doch, dann mit einem schönen Glas Kölsch.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn sich Leute unnötig aufregen.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... raus aus Niederschelden und hinein in die Welt.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... Niederländisch lernen.

Geld macht mich ...

... nur glücklich, wenn ich es nicht brauche.

Rat suche ich ...

... bei meiner Familie und meinen Freunden.

Familie und Beruf sind ...

... in meinem Fall ein und dasselbe. Haha.

Den Kindern rate ich, ...

... sich von niemandem einreden zu lassen, dass sie es nicht schaffen können, dass sie weniger wert sind als andere oder dass Träume Träume bleiben müssen.

Mein Weg führt mich ...

... weiter, immer weiter, denn der Weg ist das Ziel.

 

Zur Person

Mehmet Daimagüler wird 1968 geboren. Seine Kindheit verbringt er in einem Dorf bei Siegen. Die Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland.

Er studiert Jura in Bonn und macht einen Master in Public Administration an der Harvard University. An der Universität Witten-Herdecke wird er promoviert.

Er ist „Young Fellow“ der Atlantik-Brücke und „Global Young Leader“ des Weltwirtschaftsforums. Von 1999 bis 2005 gehört er dem Bundesvorstand der FDP an.

Seit 2005 ist er Partner in einer Berliner Rechtsanwaltskanzlei.

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