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Matthias Kurth : Ins Netz gegangen

Schachspieler an den Märkten: Matthias Kurth Bild: Matthias Luedecke

Juso, Richter, Manager – Matthias Kurth greift als Wettbewerbshüter und Verbraucherschützer an der Spitze der Bundesnetzagentur auf einen breiten Erfahrungsschatz zurück.

          Matthias Kurth peilt die nächste Milliarde an. Die Versteigerung in der Mainzer Niederlassung der Bundesnetzagentur zieht sich hin, die Mobilfunker werden für die begehrten Frequenzen tief in die Tasche greifen müssen. Rund 2 Milliarden Euro stehen mittlerweile auf seinem Zettel. Eigentlich ein Klacks, jedenfalls gemessen an den 50 Milliarden aus der UMTS-Auktion vor zehn Jahren. Damals war Kurth gerade als Vizepräsident zur Bundesnetzagentur gekommen; nur wenige Monate nach der Auktion stieg er zum Chef der mächtigen Regulierungsbehörde auf, die dort für Wettbewerb sorgen soll, wo früher die Monopole das Sagen hatten: in Telekommunikation, Energieversorgung, Eisenbahn und Post.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Dass die Rekordauktion und sein Aufstieg so eng beieinanderlagen, liefert Stoff für allerlei Spekulationen. Dabei war es reiner Zufall. Kurth hatte zum zweiten Mal hintereinander das Glück des Tüchtigen. Kurz nachdem er den Vizeposten angenommen hatte, wechselte Behördenpräsident Klaus-Dieter Scheurle 2001 überraschend zu einer Schweizer Investmentbank. So fiel die Wahl fast zwangsläufig auf den SPD-Mann Kurth, als die rot-grüne Bundesregierung rasch einen passenden Nachfolger brauchte. „Für mich selbst war das damals eine Überraschung. Damit hatte ich bei meinem Wechsel in die Regulierungsbehörde nicht gerechnet“, spielt Kurth das eigene Zutun herunter. Eigenlob ist nicht notwendig, seine Arbeit als Regulierungschef genießt auch bei früheren politischen Gegnern Respekt. Fast immer geht es um viel Geld, regelmäßig fühlen sich die Konzernchefs zu Unrecht gegängelt, und nicht selten müssen am Ende die Gerichte heran. Der hartnäckige Schiedsrichter über die Netze sucht zwar lieber den Ausgleich, doch wenn es sein muss, nimmt er den Konflikt offen an. „Unsere Arbeit ist manchmal wie Schachspielen. Gewinnen kann nur, wer klar Position bezieht, langfristig denkt und nach Prüfung aller Alternativen mutig entscheidet“ – so denkt Matthias Kurth.

          Juso-Chef Südhessen, aber kein Steinewerfer

          Juso-Chef in Südhessen, Richter, SPD-Landtagsabgeordneter, Staatssekretär, Manager, jetzt der Kämpfer für freien Wettbewerb: Es war ein langer Marsch durch die Institutionen, der Kurth in eine der zentralen Schaltstellen deutscher Wirtschaftspolitik geführt hat. Begonnen hatte es mit seiner Begeisterung für Willy Brandt und der Aufbruchstimmung von 1968. Im heimischen Langen bei Frankfurt stürzte sich der gebürtige Heidelberger in die Parteiarbeit des SPD-Nachwuchses. „Ich habe die Ochsentour durch die Ortsvereine gemacht. Zu Hause hat das keine Begeisterungsstürme ausgelöst“, erinnert er sich. Sein Vater, Prokurist bei einem Mühlenunternehmen in Frankfurt, stand politisch eher auf der anderen Seite. „Aber ich war ja nicht bei den Steinewerfern oder der Stamokap-Fraktion, sondern bei den reformorientierten Südhessen.“

          Als Chefregulierer überwacht er Deutschlands Netze

          Er findet Gefallen an den Debatten und Redeschlachten. Gesegnet mit großem rhetorischen Talent, ist er um keine Antwort und kein Argument verlegen. „Als Leisetreter hält man da den Kopf nicht lange über Wasser. In der Rückschau haben wir da natürlich auch manchen Unfug verzapft. Aber die Arbeit bei den Jusos war eine gute Schule.“ Seine Gesprächspartner wissen, was er meint. Wenn es sein muss, redet Kurth jeden Zuhörer schwindlig, je nach Bedarf mit juristischer Präzision oder in wortreicher Unverbindlichkeit. Mit dieser Begabung eroberte sich Kurth schon in der Schule seinen Platz auf der Rednerbühne. Mit 15 Jahren wurde er Schulsprecher seines Gymnasiums. Nach dem Abitur entschied er sich für Jura und Volkswirtschaft. „Das war eine eher ungewöhnliche Entscheidung, weil meine besten Fächer Mathematik und Naturwissenschaften waren. Aber die Vorstellung, in ein einsames Labor abzutauchen, war mir ein Horror. Dafür bin ich einfach zu politisch und gesellig.“ Er pendelte mit dem alten R4 vom elterlichen Reihenhaus in Langen zur Uni nach Frankfurt. „Ich wollte schnell fertig werden, raus aus der Uni und etwas Praktisches machen.“ Schon nach sieben Semestern meldete er sich zur ersten Prüfung an, beide juristische Staatsexamen bestand er 1978 mit Prädikatsnoten.

          Die Richterstelle kam vor dem Examen

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