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Martin Sonneborn : Bürgerschreck mit Kaufmannslehre

Satire statt Krankenkasse - Martin Sonneborn Bild: Andreas Pein

Sie sind dreist bis unverschämt, unangepasst, aufklärerisch, pubertär und wollen bloß keinen Bürojob? Dann machen Sie bestimmt Karriere – als Satiriker. So wie Martin Sonneborn.

          Die Zukunft hätte so einfach sein können. Schließlich hat der Mann eine solide Ausbildung in der Tasche. Martin Sonneborn ist gelernter Krankenversicherungskaufmann. Wäre er dem Beruf treu geblieben, hätte er heute rund ein Vierteljahrhundert Berufserfahrung auf dem Buckel und es mit einem bisschen Fleiß und Ehrgeiz mutmaßlich mindestens zum Abteilungsleiter gebracht. Doch da gab es ein Problem: „Ich wusste schon nach drei Tagen, dass ich so etwas nie machen will“, sagt er im Rückblick auf die prägenden Ereignisse Mitte der achtziger Jahre in Osnabrück.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Mit dieser Erfahrung dürfte er nicht alleine dastehen. Doch anders als das Gros der Leidensgenossen, das die Aussicht auf eine solide Lebensplanung dem Drang nach Selbstverwirklichung vorzieht, ist Sonneborn seiner Gesinnung gefolgt und hat dem „gutbürgerlichen“ Milieu bei passender Gelegenheit den Rücken gekehrt. „Gutbürgerlich“ – ein Wort, das er gerne benutzt, um sich abzugrenzen. Zwar zog er die Lehre durch – um Anspruch auf Bafög zu bekommen, wie er schnell nachschiebt. Doch damit war der Weg frei für die wahre Berufung: provozieren, kommentieren, aufdecken, attackieren, pubertäre Streiche aushecken. Dass man damit Karriere machen kann, hat Sonneborn gezeigt. Als Kopf der Zeitschrift „Titanic“ und Parteien-Gründer ist er einer der populärsten Satiriker Deutschlands geworden. Deshalb fährt er mit 44 Jahren Bahn statt Dienstwagen und lebt nicht im Grünen, sondern in Berlin-Charlottenburg.

          Leprahand als Startschuss

          Ist oder wird man Satiriker? „Man ist“, findet Sonneborn, „das ist eine Charakterfrage.“ Viele lebten diese Haltung aber nur heimlich aus, tummelten sich abends in entsprechenden Internetforen und führten ansonsten ein gutbürgerliches – da ist das Wort wieder – Leben. Der offen praktizierende Rest sammele sich früher oder später um die „Titanic“. Doch bis zum erfolgreichen Outing war es ein langer Weg.

          Satire statt Krankenkasse - Martin Sonneborn Bilderstrecke

          Den frischgebackenen Kaufmann zog es zum Studium nach Münster; in eine Wohngemeinschaft mit Grillpartys auch im Februar, wofür die Bewohner von der gutbürgerlichen (!) Nachbarschaft gehasst wurden. Und die Karriere begann mit Empörung. „Gute Satire hat immer etwas mit Empörung zu tun“, sagt Sonneborn. Auslöser war eine Ausstellung zum Thema Lepra, während der Geld für den Kauf einer leprösen Hand aus dem Mittelalter gesammelt wurde. Die Besucher wurden auch aufgeklärt, dass in Spanien immer noch Menschen unter der Krankheit litten. „Ich war empört darüber , dass nicht für diese Leute gesammelt wurde, sondern für eine alte Hand.“

          Seiner Empörung ließ der Student in einem Leserbrief freien Lauf, den er dem Herausgeber einer örtlichen Gratiszeitung zusandte, welcher sich kurz zuvor durch einen couragierten Roland-Kaiser-Verriss hervorgetan hatte. Doch der vermeintliche Bruder im Geist geriet zur Enttäuschung. Es sei ein toller Brief, lautete die Antwort, der auch gedruckt werden müsse – nur nicht bei ihm, sonst liefen im katholischen Münster alle Anzeigenkunden weg. Die Richtung war vorgegeben.

          Manipulation als Handwerk

          1989 wandte sich Sonneborn an „Eulenspiegel“, das einzige zu DDR-Zeiten geduldete Satire-Magazin, welches nun sein gesamtdeutsches Publikum suchte. Ihm imponierte, dass der Verlag vom Osten in den Westen ging und den Preis verdoppelte, deshalb fragte er um ein Praktikum nach. „Die wussten nicht, was das ist, und ich eigentlich auch nicht.“ Man fand trotzdem zusammen. Mit der Redaktionsleitung kam Sonneborn jedoch nicht klar, das Praktikum war bald zu Ende. Doch die ersten Erfahrungen mit Ostdeutschen machten Lust auf mehr. Er wechselte zum Studieren nach Berlin, jobbte nebenher als Marktforscher. Die Konstellation für den Publizistik-Studenten war ideal: morgens Theorie im Hörsaal, mittags Praxis an der Haustür. Die oberste Maxime lautete, den Arbeitsaufwand möglichst klein zu halten. Er lacht, wenn er an einen Auftrag des schwedischen Küchengeräteherstellers Electrolux zurückdenkt. Die Bögen waren so aufgebaut, dass eine hohe Zustimmung die wenigste Mühe bedeutete. Kein Wunder, dass 63 von 65 befragten Berlinern völlig euphorisiert von der Idee eines Kühlschranks für das Wohnzimmer waren. Ein Verkaufsschlager wurde das Gerät trotzdem nicht. „Ich weiß heute, wie man Umfragen manipuliert und wie Marktforschung einzuschätzen ist“, gibt Sonneborn als wichtigste berufliche Erfahrung jener Zeit an.

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