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Klaus Heymann : Vivaldi für das Volk

  • -Aktualisiert am

Der „verrückte Deutsche aus Hongkong”: Klaus Heymann Bild: F.A.Z. - Edgar Schoepal

Er war Tennislehrer und studierte Sprachen, handelte mit Elektrogeräten und schuf schließlich eine Billigmarke für klassische Musik. Längst werden Klaus Heymann und seine Plattenfirma Naxos nicht mehr belächelt, sondern kopiert.

          Die Sehnsucht nach dem guten Leben mag ein banaler Antrieb sein, bei Klaus Heymann setzte er eine Kettenreaktion in Gang, die den Siebzigjährigen über spektakuläre Höhen zu einer einsamen Spitzenposition im Geschäft mit der klassischen Musik führte. Ein Dreieck bestimmt heute seine persönliche Topographie: Hongkong, Auckland und Naxos. Mit seiner Ehefrau und drei schneeweißen Malteser-Schoßhunden, die er jeden Abend pünktlich um acht Uhr zum Spielen um sich versammelt, lebt er in einer Villa in Kowloon, dem Festlandgebiet Hongkongs, und - der besseren Luft wegen - auf seinem Anwesen nahe der neuseeländischen Hauptstadt. Über den Lebensorten erhebt sich sein Unternehmen, das er nach der griechischen Insel Naxos benannt hat. Die Entscheidung hat er anfangs oft bereut, denn als absurd vielgestaltig erwiesen sich die Schwierigkeiten, eine geographische Bezeichnung als Firmennamen schützen zu lassen. Aber seine Hartnäckigkeit hat sich gelohnt: Heute ist Naxos, die Schallplattenfirma, eine Weltmarke.

          Wie ein Ariadnefaden zieht sich das Aroma der großen Welt durch Heymanns Leben. Geboren wurde er im Frankfurter Vorort Niederrad, dort wuchs er auf. Als Oberschüler wollte er Linguist werden, behelfsweise Lehrer. Schon die Wahl der Schauplätze seiner Studien des Englischen und Französischen, Spanischen und Portugiesischen nehmen intellektuelle Weltläufigkeit vorweg: King's College in London, Sorbonne in Paris, die Hochschule von Lissabon und die Frankfurter Universität. Als Tutor erhält er früh Einblicke in den Alltag der Professoren - und weiß bald, dass er so nicht glücklich wird: mit der Verwaltung begrenzten Spezialwissens im Rhythmus aufeinanderfolgender Semester. Das Studium verdient er sich als Tennislehrer, so kommt er in Kontakt mit der neureichen Wirtschaftswunderprominenz des Rhein-Main-Gebiets; Wochenendeinkäufe erledigt er mitunter im Mercedes eines seiner Tennispartner. Diese Art zu leben sagt ihm auf Anhieb zu.

          Ohne Studienabschluss zunächst Anzeigenverkäufer

          Ohne Studienabschluss beginnt er seine berufliche Laufbahn als Anzeigenverkäufer für das Frankfurter Büro der amerikanischen Soldatenzeitung "Overseas Weekly", die ihn fünf Jahre später nach Hongkong schickt, um von dort den Vertrieb des Blattes zur kämpfenden Truppe in Vietnam und den Etappenstationen in ganz Südostasien zu organisieren. Am 6. Januar 1967 kommt Heymann in der englischen Kronkolonie an, mit einem Koffer und einer Schreibmaschine. Daraus entwickelt er in kurzer Zeit ein eigenes Imperium. Sein Organisationstalent stellt er nicht nur in den Dienst seines Auftraggebers, schnell entsteht als Nebenerwerb ein Versandgeschäft für Uhren, Kameras und HiFi-Geräte. Die Adressen dafür besorgt er sich auf den Militärbasen, indem er bei seinen Besuchen Telefonbücher mit den Feldpostnummern der Soldaten mitgehen lässt. So verdient er seine erste Million.

          Heymann übernimmt den Asien-Vertrieb für Tonstudioausrüstungen verschiedener Hersteller, veranstaltet Konzerte zur Promotion der Geräte, gründet den Schallplattenvertrieb Pacific Music, und bald kreuzen sich die Wege mit dem Hongkong Philharmonic Orchestra, zu jener Zeit einem Amateurensemble. Heymann lässt sich überreden, die Werbung für die Musiker zu übernehmen, unter zwei Bedingungen: Das Orchester musiziert künftig professionell, und ihm redet keiner in seine Entscheidungen hinein. Das erste ist schnell umgesetzt, doch als Teamarbeiter lässt sich Heymann nicht vereinnahmen. Von dem Orchesterzwischenspiel bleibt ihm zweierlei: erste Einblicke in das musikalische Repertoire abseits des Gängigen und eine lebenslange Liebe zu Luxushotels. Zu seinen frühesten Taten zählt, gastierende Musiker in der Kronkolonie repräsentativ unterzubringen.

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