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Karlheinz Brandenburg : Tonmeister der digitalen Revolution

Mit „Tom's Diner” zur Revolution: Karlheinz Brandenburg Bild: Tobias Schmitt

Sein Welterfolg kam mit Suzanne Vega: Karlheinz Brandenburg gilt als Erfinder des MP3-Formats. Doch diesen Titel lehnt er ab und arbeitet schon an noch größeren Tönen.

          Dieses Lied wird Karlheinz Brandenburg wohl nicht mehr vergessen. Er kennt jeden Ton, jede Zeile, jede Strophe. Er hat es Tausende Male gehört und Hunderte Male geträumt, hat es durch einen Supercomputer gejagt, digitalisiert, in Bits und Bytes zerlegt, studiert, analysiert und komprimiert. "Es war unser ultimatives Teststück für MP3", sagt er. Der kleine A-cappella-Song "Tom's Diner" der Sängerin Suzanne Vega wurde zum Wiegenlied der Musik im Internet. Brandenburg stand Pate und die Musikindustrie vor einer Revolution. "Das habe ich mir in meinen Lehrjahren auch nicht träumen lassen", sagt er. Damals trug er Jeans, Sweatshirt und eine ernste Miene, heute trägt er Schlips und Kragen und ein Lächeln auf den Lippen; damals war er Doktorand, heute ist er Professor; damals lebte er von Stipendien und der Hand im Mund, heute ist er einer der besten Wissenschaftsmanager des Landes. Er hat eine eigene Wagniskapitalgesellschaft und steht an der Spitze eines angesehenen Forschungsinstituts. In seiner Jugend machte er sich an die Komprimierung, im Alter an die Maximierung von Tönen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit fünfzehn Jahren arbeitet er an einem Klangwunder namens Iosono: einer Akustikwelt, in der sich mit einem Computer und einer kleinen Armada von Lautsprechern einzelne Töne, ganze Lieder, Opern und Konzerte punktgenau in Räumen plazieren, verschieben und entfalten lassen. Hören in 3 D - die nächste Dimension fürs Ohr. Um die Idee hatte Brandenburg in den vergangenen Jahre ein ganzes Institut errichten lassen. In den Kinos von Hollywood ist Iosono schon zu hören. Disney hat Interesse; Michael Jackson war begeistert, erzählt Brandenburg.

          „Ein Genie bin ich nun wirklich nicht“

          Der Herr Professor sitzt im ersten Stock im Fraunhofer-Institut in Ilmenau. Unten sind die Studios, oben ist der Chef. Auf seinem Tisch liegt ein iPod. "Mein Lieblingsgerät." Im Regal stehen gerahmte Ehrungen, ein Doktorhut und die Urkunde zum Bundesverdienstkreuz. Ganz oben ist eine Gipsbüste: Albert Einstein. Der Großmeister der Physik streckt die Zunge raus. Ein Geniestreich. "Ein Genie bin ich nun wirklich nicht", sagt Brandenburg. Er mag es nicht, wenn man ihn "Mister MP3" nennt. "Ich war Teil einer Forschergruppe in Erlangen", sagt er, "und die war gut." Er redet leise und langsam, wirkt charmant und bescheiden. Er weiß um die Wirkung und nennt die Namen seiner einstigen Lehrer und Mitstreiter: seinen Doktorvater Dieter Seitzer vornweg, dann Heinz Gerhäuser, Joachim Klein, Bernhard Grill, Thomas Sporer, Harald Popp.

          Im Tonlabor von Ilmenau

          "Teams sind wichtig", meint er. "Denn hinter jeder Erfindung stecken viele Mitarbeiter." Brandenburg spricht von den achtziger Jahren und dem Wettrennen eines Dutzends hochkarätiger Entwicklungsteams, die ausgeschriebenen internationalen Standards für die digitale Übertragung von Hörfunkprogrammen liefern zu können. Ziel war es, Töne zu digitalisieren und diese riesigen Datenmengen so zu verkleinern, dass sie schließlich über Telefonkabel verschickt und auf Festplatten von Computern gespeichert werden konnten. Keine klirrenden Telefonstimmen, sondern glasklare Klänge. Dafür aber waren aufwendig zu entwickelnde Kompressionsverfahren notwendig: Aus einer großen Datei mach eine kleine. Brandenburgs Team zog bei der Feinabstimmung seiner Algorithmen aus "Tom's Diner" entscheidende Hinweise für die Verbesserung von Klangqualität und Kompression. So entwickelte es das, was der Volksmund heute als MP3 bezeichnet. Die alte Plattenindustrie hatte ausgespielt. Neue Player eroberten den Markt. Brandenburg erklärt das Verfahren der psychoakustischen Verdeckung, wirbelt durch den technischen Buchstabensalat von Aspec, Musicam und AAC, erzählt von seiner Forschung an den amerikanischen Bell Labs Anfang der neunziger Jahre, dem Studium in Erlangen in den Siebzigern, von durchgearbeiteten Nächten und seiner Diplomarbeit.

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