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Joseph Stiglitz : Kassandra der Finanzkrise

Den Tag der Abrechnung mit den Fundamentalisten des Marktes sieht Stiglitz kommen Bild: BLOOMBERG NEWS

Den Nobelpreis erhielt Joseph Stiglitz, weil er gezeigt hatte, warum Märkte kollabieren können. Nun sieht er das Finanzdebakel als grimmige Bestätigung seiner Thesen.

          Was die Kinder einmal werden wollen, sagte der Lehrer, sollten sie herausfinden, indem sie in die Berufswelt ausschwärmen und darüber einen Aufsatz schreiben. Joseph Stiglitz, geboren 1942, war damals 13 Jahre alt. Er lebte mit seiner Familie in Gary im Bundesstaat Indiana, nahe der Grenze zu Illinois. Gary war damals eine schnell wachsende Kleinstadt mit einer mächtigen Stahlindustrie. Eine Universität gab es nicht. „Ich wollte etwas Besonderes werden, ein Wissenschaftler. Also habe ich nach dem Wunsch des Lehrers einen Professor besucht, den einzigen Professor, den meine Eltern in der Stadt kannten, und habe ihn über seinen Beruf ausgefragt“, erinnert sich Stiglitz heute. Welche Fachrichtung er einschlagen sollte, wusste er noch nicht. „Ich wollte einfach Wissenschaftler werden.“

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Allerdings sollte die Wissenschaft einen sozialen Nutzen haben. „Meine Eltern haben mir damals drei Dinge gesagt: erstens, dass Geld nicht allzu wichtig ist; zweitens, dass ich meinen Kopf gebrauchen sollte; und drittens, dass ich anderen zu Diensten sein sollte.“ Vater Nathaniel, ein Versicherungsvertreter, und Mutter Charlotte, eine Lehrerin, haben Stiglitz offenkundig geprägt. Wenn er fluchte, zwang ihn die strengreligiöse Mutter, sich den Mund mit Seifenwasser auszuspülen. Obwohl der jüdischstämmige Stiglitz sich als Agnostiker sieht, mischte sich doch in seinen Wissenschaftsdrang auch eine moralische Mission.

          Von der Mathematik zur Ökonomie

          Zunächst studierte er einige Semester lang Mathematik, dann wechselte er zur Wirtschaftswissenschaft, erst ans Amherst College, dann ans Massachusetts Institute of Technologie (MIT). Dort traf er auf einige der großen keynesianischen Ökonomen der Zeit, allen voran Robert Solow und Paul Samuelson, der ebenfalls aus Gary stammt. „Ich wurde Ökonom, weil ich etwas verändern wollte – aber ich hatte noch nicht die geringste Idee, auf welche Weise“, sagt Stiglitz rückblickend.

          Bill Clinton holt ihn 1996 in sein Beraterteam

          In seiner Heimatstadt geriet derweil die Stahlindustrie in eine Krise. Die übermächtige U. S. Steel Corp. schloss einen Teil ihrer Werke. Viele Arbeiter, besonders die Schwarzen, verloren ihre Arbeit. Kriminalität und Drogenhandel nahmen besorgniserregend zu, einige Viertel der Stadt verfielen. „Die sozialen Probleme haben mich stark beschäftigt, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Ungleichheit und Armut“, sagt Stiglitz. Seine Dissertation über ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen stellte er 1965 in Cambridge fertig, wo er sich mit den linksgerichteten Ökonomen Joan Robinson und Nicholas Kaldor anfreundete. „Die gängigen ökonomischen Theorien haben all diese sozialen Probleme einfach geleugnet“, ereifert sich Stiglitz, der als Chefökonom der Weltbank spektakulär die amerikanische Wirtschaftspolitik kritisierte und später zur Galionsfigur der Globalisierungskritker wurde.

          Mit der klassischen Wissenschaft gebrochen

          Schon während des Studiums kam ein Moment, als er mit der klassischen Wirtschaftswissenschaft brach. „Ich wusste nur, dass die Theorien falsch waren, also habe ich angefangen, die Annahmen der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft in Frage zu stellen.“ Stiglitz, der oft bis tief in die Nacht arbeitete und dann im Büro übernachtete, erkannte vor allem eine Annahme als falsch: dass es „perfekte Information“ auf den Märkten gibt. Stellt man in den Vordergrund, dass Informationen unvollständig und ungleich verteilt sind, dann erscheint das Funktionieren von Märkten unsicherer als in der klassischen Theorie, die vom reibungslosen, effizienten Zusammenspiel ausgeht.

          Im schlimmsten Fall, zeigt Stiglitz’ Forschung, brechen Märkte völlig zusammen, wenn asymmetrische Information zu allzu großem Misstrauen, Kontroll- und Anreizproblemen führt. Die aktuelle Finanzkrise wie zuvor schon die Asien-Krise 1997/1998 sieht er als Bestätigung seiner Kritik. Wenn Stiglitz über die Informationsprobleme spricht, zeigt sich ein bissiges Lächeln in seinem ansonsten freundlichen Gesicht. Er zeigt eine grimmige Freude darüber, dass er der klassischen Ökonomik ihre Irrtümer vorgehalten hat. Denn die Informationsprobleme, sagt er selbst, „öffnen die Büchse der Pandora“.

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