https://www.faz.net/-gyl-10qrr

Joseph Stiglitz : Kassandra der Finanzkrise

Unter der Bedingung, nicht länger in seinem Büro zu schlafen, erhielt Stiglitz nach seiner Promotion eine Assistenzprofessur am MIT. Von dort nahm seine akademische Karriere einen steilen Aufschwung: Schon 1969, im Alter von nur 26 Jahren, wurde er als Professor an die Yale-Universität berufen. Zu den Wachstums- und Konjunkturtheorien, mit denen sich seine Lehrer Solow und Samuelson befassten, kam die Entwicklungsökonomik hinzu, die Frage, wie die Armut der Dritten Welt zu beheben sei. Auf Einladung der Rockefeller-Stiftung verbrachte Stiglitz einen Forschungsaufenthalt in Nairobi, sein erster längerer Kontakt mit Afrika, wo er sich vor Ort mit den Schwierigkeiten auseinandersetzte. Es folgten Gastprofessuren in Cambridge und Oxford, dann ein Ruf an die Princeton-Universität nördlich von New York, bis er 1988 an die kalifornische Stanford Universität wechselte.

Vorlesungen als stundenlange Monologe

Seine Studenten berichten von Vorlesungen, die zuweilen in stundenlange Monologe ausarteten und später direkt in Aufsätze für die großen Wissenschaftsjournale gegossen wurden. Auch politisch mischte sich der Professor ein, der seine Kritik an der Marktwirtschaft mit immer neuen ökonomischen Analysen zu untermauern verstand. 1993 holte ihn Bill Clinton, gerade als amerikanischer Präsident gewählt, als Wirtschaftsberater in den Council of Economic Advisors, 1995 wurde er Vorsitzender des Gremiums. Damit stand Stiglitz erstmals auf der großen politischen Bühne in Washington. Unter linksliberalen Demokraten und Intellektuellen galt er als Held, der sich gegen die fiskalisch konservativen Republikaner im Kongress stemmte. Zugleich aber machte er sich mit seinem Hang zur Selbstgerechtigkeit und seiner Polemik gegen andersdenkende Ökonomen entschiedene Feinde.

Wenn Stiglitz heute über seine zweieinhalb Jahre im Amt des Chefökonomen der Weltbank von 1997 bis Ende 1999 erzählt, dann in einem abgeklärten Tonfall. Clinton schätzte ihn, doch mit Finanzminister Lawrence Summers war das Verhältnis stets gespannt; an der Wall Street beäugten sie ihn misstrauisch, und im Internationalen Währungsfond (IWF) ärgerten sich seine Gegenspieler, die er als „drittklassige Ökonomen von erstklassigen Universitäten“ abtat. Obwohl Weltbank-Präsident James Wolfensohn seine Hand über Stiglitz hielt, musste er weichen, als der Druck aus dem Finanzministerium zu stark wurde.

„Bevor ich einen Maulkorb umgehängt bekam oder mir selbst einen Maulkorb umgehängt habe, bin ich lieber gegangen“, sagt Stiglitz über seine Entscheidung zum Rücktritt. Er schaut dabei recht milde. Seinen Rückzug empfindet er nicht mehr als Niederlage. Zwar war er sein Amt los, doch konnte er nun noch offener und schärfer den aus seiner Sicht verfehlten marktwirtschaftlichen „Washington Consensus“ attackieren, den vor allem der IWF hochgehalten hat. Allgemeine Liberalisierung des Handels und Deregulierung der Finanzmärkte sieht Stiglitz als eine der Ursachen der Asien-Krise von 1997/98. „Das funktioniert für die Entwicklungsländer einfach nicht“, sagt Stiglitz und rutscht dabei ungeduldig auf seinem Stuhl herum.

Nobelpreis für „Informationsökonomik“

Im Herbst 2001 erhielt Stiglitz mit seinem Studienfreund George Akerlof und mit Michael Spence den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Arbeiten zur „Informationsökonomik“ – die ersehnte Anerkennung für einen unbequemen Geist, der sich auch weiter politisch einmischt. So hat er 2008 eine flammende Streitschrift gegen den Irak-Krieg geschrieben, dessen Kosten er auf unvorstellbare 3 Billionen Dollar veranschlagt.

Nach Ansicht von Stiglitz steht die Welt in der gegenwärtigen Finanzkrise an einem Scheideweg: Die Politik der Liberalisierung sei endgültig diskreditiert, meint er. Nun müsse der Staat scharf regulieren, damit nicht Finanzakteure die Welt „ins ökonomisches Chaos stürzen“. Stiglitz sitzt da und spricht wie einer, der es ja schon immer hat kommen sehen. Der Tag der großen Abrechnung mit den „Marktfundamentalisten“ sei nun gekommen, sagt er – und ein befriedigtes Lächeln spielt um seine Lippen.

Zur Person

  • Joseph Stiglitz wird am 9. Februar 1943 in Gary geboren. Schon mit 26 Jahren erhält er eine Professur an der Eliteuniversität Yale.
  • In seiner Forschung geht es vor allem um Informationsprobleme, aber auch zur Wachstumstheorie und zur Entwicklungsökonomik hat er gearbeitet. 2001 wurde ihm der Wirtschaftsnobelpreis verliehen.
  • Von 1997 bis 1999 war er Chefökonom der Weltbank, trat aus Protest zurück. Heute lehrt er an der Columbia-Universität in New York.
  • Der Vater dreier Kinder ist seit 2004 in dritter Ehe verheiratet mit Anya Schiffrin, die an der Columbia-Universität das Journalismus-Programm leitet.

Weitere Themen

Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

Topmeldungen

Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.