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Joachim Schoss : Die Chance auf ein zweites Leben

Lebt seit dem Unfall bewusster: Joachim Schoss Bild: Michael Hauri

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erleidet er einen schweren Motorradunfall. Seitdem kann Joachim Schoss nicht mehr so viel arbeiten – und hat sich auf die Suche nach dem privaten Glück gemacht.

          Es ist kaum zu fassen: Auf dem schönen Designersofa sitzt ein Mann in den besten Jahren, dem vor siebeneinhalb Jahren durch einen Unfall ein Arm und ein Bein vom Leib abgetrennt wurden – und spricht von der wertvollsten Erfahrung seines Lebens. Damit meint er zwar nicht den schrecklichen Vorfall selbst, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Er meint die Möglichkeit, wegen dieses Ereignisses zwei Leben haben zu dürfen. Der Unfall als Chance? „Absolut“, sagt Joachim Schoss. Dabei ist es keineswegs so, dass Schoss sein früheres Leben nicht gemocht hätte. „Ich war glücklich mit meinem ersten Leben“, sagt der 47 Jahre alte Unternehmer und Stifter.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Dieses erste Leben war ein ganz anderes als sein jetziges. Heute kann Schoss aus körperlichen Gründen höchstens 30 Stunden in der Woche arbeiten. Damals hat er von morgens bis in den Abend und oft auch am Wochenende gearbeitet. Er hat Unternehmen aufgebaut, viel Geld verdient und viel Erfolg gehabt. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt Schoss, „die Arbeit hat mich erfrischt.“ Im Jahr 1998 gründete er zusammen mit Christian Mangstl den Internetmarktplatz Scout 24 und war damit einer der Pioniere in der Onlinevermarktung von Gütern und Dienstleistungen „In der Aufbauphase haben wir beim Arbeiten nicht auf die Uhr geschaut. Wir waren ein rundum begeisterter Trupp“, erinnert sich Schoss gerne. Das sei wie in seiner Schulzeit gewesen, als er sich für die Schülerzeitung engagiert habe.

          Ein Pionier in Sachen Internetmarktplatz

          Heute zählt Scout 24 mit acht Millionen Nutzern zu den großen Online-Marktplätzen in Europa; Immobilienscout 24 und Autoscout 24 haben Marktanteile von fast 90 Prozent. Doch gehört das Unternehmen längst der Deutschen Telekom. Es wurde ein gutes Jahr nach Schoss’ Unfall verkauft. Das war allerdings nicht seine Entscheidung gewesen, sondern die eines Vertreters, den er schon vorher für den Fall der Fälle benannt hatte. Schoss war zu der Zeit der Verkaufsverhandlungen mit etwas ganz anderem beschäftigt: mit dem nackten Überleben.

          Sachlich und gefasst spricht Schoss über die Ereignisse vom November 2002, als er mit einem Freund einen Motorradurlaub in Südafrika verbrachte. Das mag daran liegen, dass er die Geschichte schon oft erzählt hat. Das mag aber auch daran liegen, dass er seinen Unfall selbst nur aus einem Bericht der Polizei kennt. Und es liegt wohl auch daran, dass der höfliche und freundliche Mann gegenüber einer Gesprächspartnerin, die er kaum kennt, eine gewisse Distanz wahrt.

          Das Schicksal spielte ein seltsames Spiel mit ihm, denn der Unfall ereignete sich am letzten Tag seines Urlaubs auf den letzten Kilometern. Der betrunkene Fahrer eines roten Golf wollte einen Kleinbus überholen und traf den entgegenkommenden Schoss am rechten Bein, das, wie er sagt, „sofort dran glauben musste“. Dann wurde er mit der Schulter auf das Dach des Autos geschleudert, und auch der Arm wurde herausgerissen. Sein Kopf blieb fast unversehrt; nur am Kinn hat er eine kleine Narbe davongetragen. „Ich habe zweimal Glück im Unglück gehabt“, sagt Schoss. Zum einen trug er einen Integralhelm und nicht den Halbhelm, den er, als er packte, nicht finden konnte. Und zum anderen war die Unfallstelle nur sechs Minuten von einer guten Privatklinik entfernt.

          Letztlich zählen weder Kontostand noch Statussymbole

          Nierenversagen, Embolie im linken Lungenflügel – seine Überlebenswahrscheinlichkeit betrug 5 Prozent. „Doch ich habe nicht damit gerechnet, dass ich sterben könnte“, sagt Schoss, der behauptet, ein positiv denkender Mensch zu sein. Dann musste er jedoch ein Gespräch zweier Ärzte mitanhören, die seinen baldigen Tod vorhersagten. Das raubte ihm die Zuversicht, und er hatte eine nahtodähnliche Erfahrung. Nun werden Schoss’ Augen doch ein wenig feucht. „Während dieses Erlebnisses waren meine Kinder in meinen Gedanken bei mir und haben mir Zuspruch gegeben“, erzählt er. Am Ende des Lebens, das hat er damals erfahren, zählten eben doch nicht der Kontostand und Statussymbole, sondern die Beziehungen zu nahestehenden Menschen. „Was für ein Vater war ich, was für ein Partner, was für ein Freund.“ Das sollte wissen, wer dem Berufsleben absolute Priorität einräume. Schoss hat Verständnis dafür, wenn Menschen ihre Arbeit eine Zeitlang über alles stellen. Doch müsse man sich im Klaren sein, dass man dafür einen Preis zahle.

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