https://www.faz.net/-gyl-6ygxd

Jane Goodall : Nur noch kurz die Welt retten

Jane Goodall: Auch mit 90 noch Kämpferin für die Belange der Tierwelt. Bild: Müller, Andreas

Niemand kennt sich mit Schimpansen so gut aus wie Jane Goodall. Aus der Sekretärin von einst ist eine angesehene Forscherin und Umweltschützerin geworden.

          Zur Tierforscherin wurde Jane Goodall schon im Alter von knapp fünf Jahren. Da machte sie mit ihrer Familie Urlaub in der Grafschaft Kent im Südosten Englands, Urlaub auf dem Bauernhof. Die Aufgabe der kleinen Jane: jeden Tag die Eier im Hühnerstall aufsammeln. Doch das war ihr nicht genug, sie wollte wissen, woher die Eier kamen und legte sich im Stall auf die Lauer, stundenlang, bis schließlich eine Henne ein Ei legte. Dass ihre Eltern sie derweil verzweifelt gesucht, schon die Polizei alarmiert hatten - egal. Jane Goodall war glücklich. Sie hatte gesehen, was sie sehen wollte.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Mehr als 70 Jahre sind seitdem vergangen, aber die Episode auf dem Bauernhof ist ihr noch so präsent, als hätte sie sich erst vor ein paar Tagen ereignet. „Alle haben mit mir geschimpft, dass ich so lange weg war, bis auf meine Mutter. Sie war die Einzige, die wissen wollte, was ich erlebt hatte.“ Für diese Einstellung sei sie ihr sehr dankbar gewesen, sagt Goodall. Sie ist überzeugt, dass sie ohne die Unterstützung ihrer Mutter nicht das geworden wäre, was sie heute ist: die bekannteste Schimpansenforscherin der Welt.

          Ihr Klientel: Schimpansen und Unternehmensberater

          Zerbrechlich wirkt sie und auch ein wenig verloren, die Frau des Dschungels im Salon des Bayerischen Hofs, in einem der luxuriösesten Hotels, die München zu bieten hat. In sich versunken sitzt Jane Goodall da in ihrem Sessel, schließt mitunter die Augen, während sie redet. Kurze Sätze, mehr gehaucht als gesprochen, in sehr britischem Englisch.

          Am Vorabend hat sie einen Vortrag vor Unternehmensberatern gehalten, an sie appelliert, sorgsamer mit den Ressourcen der Erde umzugehen. Am Nachmittag wird sie das Gleiche vor Schülern in einem Museum tun. Aus der Schimpansenforscherin ist längst eine Umweltaktivistin geworden, gelegentlich müde zwar, aber mit unermüdlichem Eifer.

          „Meinem Mentor war es sehr recht, dass ich nicht studiert hatte“

          “Ich will in den Dschungel.“ Im Alter von zehn Jahren nahm sich Jane Goodall das vor, da hatte sie gerade Tarzan gelesen. Dass sie nach der Schulzeit erst mal Sekretärin wurde, hatte einen pragmatischen Grund: Für ein Studium reichte das Geld der Familie nicht. Also überlegte Mutter Goodall, mit welcher Ausbildung ihre Tochter wohl später ihren Traum verwirklichen könnte, ins Ausland zu gehen, in den Dschungel, zu den wilden Tieren. Und riet zur breitesten aller Ausbildungen, eben der zur Sekretärin.

          Als Jane Goodall einige Jahre später von einer Schulfreundin auf die Farm von deren Eltern in Kenia eingeladen wurde, nahm sie ihre Ersparnisse, kaufte sich ein Ticket für die Schiffspassage und kündigte ihre Stelle. 1957 kam sie in Mombasa an und überlegte, wie sie möglichst lange bleiben konnte.

          Die tierliebe Frau bekam den Tipp, Louis Leakey anzurufen, einen Paläontologen, der die Entstehung der Menschheit erforschte. Goodall fragte ihn nach Arbeit, und Leakey schickte sie in den Gombe-Nationalpark, wo sie Schimpansen beobachten sollte. „Es war ihm sehr recht, dass ich nicht studiert hatte“, erzählt Goodall. „Er wollte jemanden, der unvoreingenommen war.“

          Jane Goodall: die mit den Affen spricht. Hier mal mit einem Gorilla.

          Sie schwärmt bis heute von der Magie Gombes, von den vielen Tieren und den wenigen Menschen dort. Goodall lebte damals in einem spartanischen Zelt. Ließ sie die Plane geschlossen, war die Hitze unerträglich. Rollte sie die Plane hoch, wimmelte es von Spinnen. Schnell lernte sie auch die Zwänge kennen, unter denen viele Wissenschaftler leiden. „Das Geld reichte nur für sechs Monate. Ich wusste, ich muss etwas Spannendes sehen, bevor es aufgebraucht war.“

          Ein Schimpanse namens David Greybeard brachte die Erlösung. Goodall hatte ihm diesen Namen wegen seines grauen Bartes gegeben. Eines Tages beobachtete sie David Greybeard dabei, wie er einige trockene Gräser zusammenraffte, um damit in einem Termitenhügel zu stochern. Ein Schimpanse, der ein Werkzeug benutzt - das hatte man vorher nicht für möglich gehalten.

          Mit einem Mal wurde Jane Goodall bekannt. Anerkannt war sie damit aber noch lange nicht. Eine Sekretärin im Dschungel? Die Forschungsobjekten Namen statt Nummern gibt? Der Wissenschaftsbetrieb belächelte sie.

          Weitere Themen

          ... in dem man für zu jung gehalten wird

          Der Moment ... : ... in dem man für zu jung gehalten wird

          Praktikantin, Referendarin, Sekretärin – unsere Autorin ist schon für vieles gehalten worden. „Sie sehen ja noch so jung aus!“, heißt es dann oft. In der Kolumne erzählt sie von Momenten, in denen der Satz kein Kompliment war.

          Topmeldungen

          Björn Höcke beim Wahlkampfauftakt der AfD Thüringen

          AfD-Wahlkampf in Thüringen : „Extrem bürgerlich“

          Beim Wahlkampfauftakt der Thüringer AfD in Arnstadt versucht die Partei, sich ein bürgerlich-konservatives Image zu geben. Doch vor allem die Aussagen eines Redners lassen daran Zweifel aufkommen – und es ist nicht Björn Höcke.

          Hoeneß versus ter Stegen : Abteilung Torwartverteidiger

          Das Schauspiel um die deutschen Torhüter geht weiter: Uli Hoeneß macht sich in einem Fernsehinterview die Welt, wie sie ihm für Bayern-Torwart Manuel Neuer gefällt. Er fordert unter anderem von süddeutschen Medien mehr Rückhalt und droht dem DFB.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.