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Hans Joachim Schellnhuber : Der Temperatur-Fühler

  • -Aktualisiert am

Per Zufall zur Klimaforschung: Hans Joachim Schellnhuber Bild: Andreas Pein

Als Jugendlicher studierte er die Quantenmechanik. Zur Klimaforschung kam Hans Joachim Schellnhuber dann eher zufällig. Heute will er nicht weniger als die Welt retten.

          Er war das, was man heute wohl ein Wunderkind nennen würde. Als er jedoch in die Schule ging, in den sechziger Jahren, nannte man Kinder wie ihn lieber Intelligenzbestie. Den Menschen im beschaulichen Ortenburg muss er früh aufgefallen sein. Dort, im Niederbayerischen nahe Passau, lasen wahrscheinlich nicht allzu viele Jungen das Physikbuch schon in den Sommerferien durch, um sich fortan im Unterricht anderen Dingen zu widmen; anderen Büchern etwa oder spöttischen Bemerkungen über die Lehrer. Am Ende des Schuljahres standen trotzdem lauter Einsen. Nicht viele werden erst die Gemeindebücherei leer gelesen haben und danach die Schulbibliothek. Einstein. Relativitätstheorie. Quantenmechanik. Aber der Schellnhuber Hans Joachim war wohl schon in der Grundschule anders als die anderen. Er hätte seine Jugend wohl in der Rolle des skeptisch beäugten Außenseiters, des missliebigen Strebers verbringen müssen - wenn er nicht auch Fußball gespielt, eine Schulband gegründet und seinen Sitznachbarn in der letzten Bank hätte abschreiben lassen. Neben absonderlichen Dingen wie dem Nachdenken über Zeit und Raum machte er also genügend Sachen, die den Menschen normal vorkamen. "Ich habe soziale Bonuspunkte gesammelt", sagt Schellnhuber und lächelt amüsiert.

          In seinem Büro mit den hohen Decken und der Doppeltür bilden Papierbündel in roten Mappen fein säuberliche Türme. Auf dem Schreibtisch ist auf diese Weise ein erstaunliches Gebirge entstanden, dessen Statik allerdings langsam an ihre Grenzen zu gelangen scheint. Auch der schwere Holztisch in der Mitte des Raumes ist von Papierbergen beinahe bedeckt. Chaos herrscht seltsamerweise trotzdem nicht. Das Zimmer wirkt wie ein komplexes System, das die Ordnung, die ihm zugrunde liegt, nur nicht sofort preisgibt. Das passt zu dem Mann, der in dieser Papierlandschaft arbeitet.

          Komplexe Systeme in Santa Barbara

          Schellnhuber liebt die Komplexität. Das Schwierige zieht ihn an. Wenn es nicht so furchtbar abgedroschen wäre, könnte man sagen, er liebe die Herausforderung. Zwar interessierte er sich nach dem Abitur auch für Sprachen, für Geschichte und Germanistik. Doch er studierte Mathematik und Physik, wandte sich rasch der Theoretischen Physik zu, weil ihm das als das maximal Schwierige erschien. Nach seiner Promotion - er löste ein 50 Jahre altes fundamentales Problem der Theoretischen Physik - ging er nach Kalifornien, und dort, in Santa Barbara, stieß er auf sein Lebensthema: komplexe, nichtlineare Systeme, die sich abrupt und irreversibel ändern können.

          Forschen an historischer Stätte in Potsdam

          Zum Klima kam er nicht als Missionar, sondern schlicht deshalb, weil er Anwendungsgebiete für die Theorie dynamischer Systeme suchte. "Das hat mich intellektuell gereizt", sagt er stets, als müsse er beteuern, dass er auch heute, als einer der führenden Klimaforscher der Welt, immer noch der neutrale, von Erkenntnisinteresse getriebene Wissenschaftler ist. Ganz langsam habe er sich herangepirscht an die Klimaproblematik. Dass die Priele der Nordsee aus der Vogelperspektive Fraktalen gleichen, die sich scheinbar chaotisch immer weiter verzweigen, interessierte ihn zu Beginn mehr als die Frage, was mit der Erde geschieht, wenn die globale Temperatur steigt. Als die damalige Bundesregierung einen Koordinator für das Projekt "Klimaänderung und Küste" suchte, schloss er das für sich zunächst als völligen Blödsinn aus, schließlich hatte er Besseres zu tun, als irgendwas und irgendwen zu koordinieren. "Ich hatte keine Ahnung von Klimafolgenforschung", sagt er.

          „Guter Instinkt für Themen“

          Aber neugierig war er doch. Und wie einst als Junge, der sich in der Bücherei die Gedankenwelt Einsteins erschloss, so vertiefte er sich nun in die Klimaforschung, bis er sich auf der Höhe des damaligen Erkenntnisstandes fühlte. Er stellte sich Fragen. Zum Beispiel die, wie zivilisatorische Systeme auf die Veränderungen des Klimas reagieren. Plötzlich schien ihm die Klimafolgenforschung ein ideales Anwendungsgebiet zu sein, um komplexe Systeme zu studieren. Zudem beschlich ihn eine Ahnung, dass dieses Thema eine große Zukunft haben könnte - und er mit ihm. Er sagte zu, und bald zeichnete sich ab, dass ein neues Institut entstehen würde, unter seiner Führung. 1991 wurde er, damals Professor für Theoretische Physik an der Universität Oldenburg, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

          "Ich besitze einen guten Instinkt für Themen", sagt Schellnhuber und lehnt sich, die Arme verschränkend, zufrieden zurück. Er sitzt da, gehüllt in einen hellgrauen Anzug, der ein wenig zu groß scheint für seinen schmalen Körper, und strahlt die Ruhe und freundliche Gelassenheit eines Menschen aus, der mit sich selbst außerordentlich im Reinen ist. Wenn er zuhört, legt er gerne den Kopf ein wenig in den Nacken, schließt die Augenlider etwas und legt seine Stirn in Falten. Er spricht mit einem leichten bayerischen Einschlag; eloquent, hin und wieder mit sanftem Spott, nie verliert er den Faden.

          Schon Einstein war am Telegraphenberg

          Vor seinem Fenster rauschen die Bäume, der Potsdamer Telegraphenberg schwebt wie eine stille, grüne Oase über der Stadt. Schmale Kopfsteinpflasterwege führen zu den Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, malerische Häuser aus roten und sandsteinfarbenen Klinkern, mit Türmchen und Kuppeln, unter denen sich Observatorien verbergen. "In diesem Gebäude wurde eine entscheidende Grundlage für die Relativitätstheorie gelegt", sagt Schellnhuber über das Michelson-Haus, in dem sein Institut residiert. Er meint das berühmte Michelson-Experiment, das 1881 im Keller des Gebäudes stattfand. Damals konnte die Existenz eines Lichtäthers, von dem man annahm, dass sich über ihn Lichtwellen ausbreiten würden, nicht nachgewiesen werden; die spezielle Relativitätstheorie verzichtete später auf diese Annahme. Auch Einstein selbst arbeitete auf dem Telegraphenberg.

          Doch sosehr Schellnhuber die Größen von gestern auch faszinieren - die Größen von heute spielen in seinem Leben eine ungleich wichtigere Rolle. Er berät die Kanzlerin und hat Zugang zu vielen Mächtigen in aller Welt. Was ihn zunächst nur von theoretischer Seite her interessierte, katapultierte ihn mitten hinein in die Politik. Er macht allerdings nicht den Eindruck, als schüchtere ihn das ein oder bekümmere ihn gar. Zwar betont er immer wieder, er als Wissenschaftler zeige bloß Optionen auf. "Sie werden von mir keinen Satz lesen: ,Die Gesellschaft muss sich so und so entscheiden'." Dass sein Wort dennoch Gewicht hat, weiß er wohl. Er kokettiert damit, dass er die Verantwortung eigentlich nicht wollte, "die Verantwortung, einer der wenigen Experten zu sein, die etwas von dem Thema verstehen". Nun aber, sagt er, sitze er mitten drin in dem Schlamassel.

          Der Mensch als tektonische Kraft

          Früh stellte er die Theorie auf, dass der Anstieg der globalen Mitteltemperatur der Erde auf 2 Grad Celsius begrenzt werden müsse. "Damals war das nur eine Vermutung von mir", sagt er. Jetzt gebe es immer mehr Beweise. Es klingt nach Apokalypse, wenn Schellnhuber von einer Welt spricht, die 5 bis 6 Grad wärmer ist als heute. Der indische Monsun könnte unberechenbar werden, der Amazonas-Regenwald kollabieren. Das Grönland-Eis würde schmelzen, der Meeresspiegel dadurch um bis zu sieben Meter steigen. Meeresströmungen der Atlantik-Zirkulation könnten unterdrückt werden. Wenn diese sogenannten Kippelemente des Klimasystems wirklich kippen, kommt es, glaubt Schellnhuber, zu Rückkopplungseffekten, zu einer sich selbst verstärkenden Dynamik. Auch das Auftauen der sibirischen Permafrostböden - was riesige Mengen Methan in die Atmosphäre freisetzen würde - ist so ein Kippelement.

          Angriffe gegen ihn ignoriert Schellnhuber meist. Außer, wenn ihm Hybris unterstellt wird, weil er glaubt, der Mensch könne die Temperatur der Erde regeln. "Das ist perfide", sagt er. "Wir sind doch schon dabei, die globale Umwelt zu verändern, durch Millionen von Konsumentscheidungen. Der Mensch ist eine tektonische Kraft geworden, aber man bekommt die Generalabsolution, wenn man es unbewusst tut. Nur wenn ein Plan dahintersteht, dann wird es Größenwahn genannt." Er weiß, wie nahe ein "Globaler Marshallplan" an eine Überschätzung der menschlichen Möglichkeiten herankommt. "Aber es zu versuchen ist die einzige Chance." Viele der Szenarien würden erst in ferner Zukunft, in Hunderten von Jahren, eintreten. Aber nicht alle. Seit fünf Monaten hat Schellnhuber einen kleinen Sohn. Aus medizinischer Sicht, sagt er, könne sein Sohn das Jahr 2100 erleben. Ohne eine Begrenzung des Temperaturanstiegs wäre das Leben dann schon deutlich weniger angenehm als heute.

          Zur Person:

          - Hans Joachim Schellnhuber wird am 7. Juni 1950 in Ortenburg geboren. Er studiert Mathematik und Physik in Regensburg, 1980 folgt die Promotion in Theoretischer Physik. An der Universität Oldenburg habilitiert er sich 1985 und wird drei Jahre später Professor.

          -1991 wird er Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Er sitzt in vielen Gremien und hat diverse Ehrungen erhalten, darunter den Deutschen Umweltpreis und einen Ritterorden durch Queen Elizabeth II.

          -Er ist verheiratet, hat einen fünf Monate alten Sohn und lebt in der Nähe von Potsdam.

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