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Günther Fielmann : Kämpfer gegen die Sozialprothese

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Die Optikerzunft ist entsetzt und bekämpft den Emporkömmling, der sich mit seinen Niedrigpreisen anschickt, die traumhaften Margen in der Branche zu zerstäuben. Fielmann wird bedroht und beschimpft und mit Wettbewerbsprozessen überzogen. Scheiben werden eingeworfen und Türen zugeklebt. Doch Fielmann lässt sich nicht einschüchtern - im Gegenteil: Der Widerstand spornt ihn an. Und der Zuspruch der Kunden. Seine Läden sind ja von Anfang an voll. Je größer seine Kette wird, umso besser werden seine Konditionen im Einkauf der Gestelle und Gläser. Selbst die Widernisse der Gesundheitsreform bringen Fielmann nicht aus der Spur. Als die Zuzahlung durch die Krankenkassen fällt, führt er die "Nulltarif-Versicherung" ein: Für eine Jahresprämie von 10 Euro kann sich der kurz- oder weitsichtige Versicherte eine Brille aussuchen. Dieses Modell rechnet sich, weil viele Kunden sich am Ende eine teurere Sehhilfe aus dem Fielmann-Sortiment aussuchen - und entsprechend zuzahlen.

Der strenge Vater hat geprägt

Fielmann ist ein Kämpfer, kein Weichei. Er wird zuweilen als "harter Verhandler" und "unangenehmer Geschäftspartner" beschrieben, der auch seine eigenen Leute nicht mit Samthandschuhen anfasst. "Das sind die üblichen Klischees, die einem Unternehmer so zugeschrieben werden", wiegelt er ab. Im Übrigen sei er mit zunehmendem Alter auch toleranter geworden. Trotzdem: Sosehr Härte und Disziplin, mit der sein strenger Vater ihn erzogen hat, die eigene Kindheit überschattet haben, so sehr hat ihm diese Prägung in der rauhen Welt der Wirtschaft geholfen. Allerdings zu einem hohen Preis: Sein Privatleben blieb lange Zeit auf der Strecke. Das führte dazu, dass er erst spät, im Alter von 50 Jahren, eine Familie gründete. Heute, 20 Jahre später, bedauert er das: "Im Rückblick würde ich nicht noch einmal so lange warten, Vater zu werden."

Zumindest mit der Mutter seiner zwei Kinder hätte Fielmann freilich nicht viel früher anfangen können: Heike Eggert, eine Kunst- und Germanistikstudentin, die sich als Brillen-Model bei Fielmann Geld dazuverdienen wollte, ist 29 Jahre jünger als er. Sie war also erst Anfang 20, als sie ihm Sohn Marc gebar. Die Ehe hat nicht gehalten. Fielmann ist jetzt mit Beate Ludwig liiert, einer Kommunikationsberaterin aus Hamburg.

Abends im Stall fällt der Stress ab

Warum hadert Günther Fielmann mit der späten Geburt seines Sohnes? Weil er ihm sein Lebenswerk übergeben will. Marc ist zwar offenbar willens, in die großen Fußstapfen seines Vaters zu treten. Aber er ist erst 20 Jahre alt, studiert an der London School of Economics. Daher will Fielmann senior auch noch möglichst lange weitermachen, obwohl er gerade 70 Jahre alt geworden ist. Je länger er Marc an die Hand nimmt, so sein Kalkül, umso besser kann der gewagte Generations- und Führungswechsel gelingen. Bei aller Unwägbarkeit: Es ist ihm zuzutrauen, noch einige Jahre an der Spitze der Firma zu stehen, in der er noch heute jede Brillenfassung selbst aussucht. Fielmann wirkt nicht müde, sondern frisch und drahtig. Er sieht deutlich jünger aus, als er ist. Dafür tut er auch was: Drei- bis viermal pro Woche läuft er mit seinem Fitness-Trainer durch die Walachei, stemmt Gewichte, dehnt die Glieder.

Auch das Leben auf dem Land tut ihm offensichtlich gut: "Wenn ich abends durch den Stall gehe und die Tiere liegen da, zufrieden, dann fällt der Stress von mir ab." Jedes Jahr lässt Fielmann für jeden seiner Mitarbeiter einen Baum pflanzen; mehr als eine Million Bäume sind schon gesetzt. Warum? "Der Baum ist ein Symbol des Lebens. Er steht für ein Leben über unser eigenes Dasein hinaus." Sein (gemeinnütziges) Engagement für die Natur hat für ihn also eine tiefere Bedeutung. Auch Gut Schierensee, das Fielmann über eine nach ihm benannte Stiftung hält und liebevoll pflegt, soll eines Tages unter der Ägide seines Sohnes weiterleben. Daher passt sie gut, die lateinische Inschrift über dem Eingang zum Herrenhaus: "Non mihi sed posteris." Nicht für mich, sondern für die Nachfolgenden.

Zur Person:

- Günther Fielmann wird 1939 in Stafstedt/Rendsburg (Schleswig-Holstein) geboren. Der Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau.

- Er will Fotograf werden. Doch auf Geheiß seines strengen Vaters beginnt er 1956 eine Optikerlehre. 1965 macht er den Abschluss als staatlich geprüfter Augenoptiker und Augenoptikermeister.

- Fielmann arbeitet für die Optikkonzerne Essilor und Bausch & Lomb, bevor er sich 1972 mit seinem ersten Brillenladen selbständig macht. Heute setzt er in 640 Filialen rund 1 Milliarde Euro um.

- Er hat zwei Kinder: Marc und Sophie-Luise. Der Sohn soll die Firma eines Tages übernehmen. Fielmann engagiert sich im Ökolandbau, züchtet Rinder, Schafe und Pferde.

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