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Günter Faltin : Abwarten und Tee trinken

Als Kaffeetrinker auf den Teegeschmack gekommen: Günter Faltin Bild: Archiv

Als der Hochschullehrer begann, mit nur einer Sorte Tee in Großpackungen zu handeln, erntete Günter Faltin viel Hohn und Spott. Heute gibt es schon einige Nachahmer.

          Kann ein Professor ohne jegliche Praxiserfahrung seinen Studenten vermitteln, wie man ein Unternehmen gründet? Nein, findet Günter Faltin, jedenfalls nicht anhand des gängigen Lehrstoffs. "Die Realität hat nichts damit zu tun, was in den Lehrbüchern über Gründungen steht." Faltin wählt als Inhalt für seine Vorlesungen an der Freien Universität Berlin deshalb lieber die Biographien von Künstlern wie Karl Lagerfeld, der aus dem Nichts eine Modemarke von Welt geschaffen hat. Aus Büchern der Betriebswirtschaftslehre lese er dagegen nicht, sagt der 66 Jahre alte Wissenschaftler.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Nicht, dass er etwas gegen BWL habe, überhaupt nicht. "Es ist ein Geschenk Gottes, wenn jemand gut organisieren und verwalten kann." Nur werde diese Fähigkeit im Deutschen fälschlicherweise mit Unternehmertum gleichgesetzt. Aus Faltins Sicht ist sie aber nur die eine - und, wie sich im Gesprächspartner schnell zeigt, nicht seine - Seite der Medaille. Um die andere zu beschreiben, greift Faltin frei nach dem österreichischen Ökonomen Schumpeter auf Vokabeln wie "Zerstörung" und "Schöpfung" zurück, spricht viel von "Innovation" und zieht gerne Vergleiche zu kreativen Berufen. Deshalb redet er statt vom Unternehmertum auch lieber von "Entrepreneurship" einerseits und von "Business Administration" andererseits. Das eine, sagt Faltin, "das sind die Trüffelschweine, die spüren, wo das Gold liegt, und eine Idee entwickeln, es abzubauen. Das andere sind die akkuraten Verwalter, die den Prozess umsetzen und überwachen." Beide hätten ihre absolute Berechtigung und Notwendigkeit. Viele Gründer aber glaubten, sie müssten beides auf einmal sein. "Irrtum!", ruft Faltin. Manchmal verhindere das eine sogar das andere. Ihm habe deshalb etwa die Aussage Enzo Ferraris imponiert, der zugegeben habe, von Motoren nichts zu verstehen, dafür seien schließlich seine Ingenieure da. Oder das Bekenntnis des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad, ein katastrophaler Organisator zu sein.

          Ein Tee, große Packungen, 200.000 Kunden

          Man ist geneigt, Faltins Ausführungen als anregende, gleichwohl auch romantische-naive Einzelmeinung abzutun - wäre da nicht sein Erfolg als Unternehmer, der ihm mittlerweile nicht nur einige Auszeichnungen und Preise, sondern auch Gehör bis in höchste politische Kreise hinein verschafft hat. Denn die von ihm 1985 gegründete Teekampagne importiert mittlerweile im Jahr rund 400 Tonnen der Sorte Darjeeling, was Faltin nach Angaben des Tea Board of India zum weltgrößten Abnehmer der Sorte macht, die viele Kenner als besten Tee der Welt bezeichnen. Es ist das einzige Produkt, mit dem Faltins Unternehmen handelt, und das auch nur in Packungen zu einem Kilo zu je 24 Euro. "2,40 Euro für 100 Gramm Spitzentee, das rechnet sich", sagt Faltin. Mittlerweile denken rund 200.000 Kunden ähnlich und kaufen bei ihm ihre Jahresration ein.

          Für die Teekampagne erhielt er höchste Weihen

          Aufgewachsen in der fränkischen Provinz, wurde Günter Faltin an den Universitäten in Tübingen und St. Gallen zum Volkswirt ausgebildet. Seine Professoren inspirierten ihn jedoch wenig, verließen nur selten die ausgetrampelten Lehrpfade. Unterricht zum Anfassen gab es nicht. "Ich wollte nicht so werden wie meine Professoren", sagt er noch heute. In den siebziger Jahren bereiste Faltin Entwicklungsländer in Asien und Afrika. "Da fiel mir auf, dass der Tee dort nur ein Zehntel so teuer war wie bei uns." Dabei handelte es sich um ein Produkt, dass anders als Kaffee, der noch geröstet werden muss, mit dem Verlassen der Plantage eigentlich fertig ist. Zurück in Deutschland, setzte sich der passionierte Kaffeetrinker mit den Lieferketten auseinander. Er fand heraus, wie viele Stationen der Tee auf dem Weg zum Verbraucher durchläuft und wer daran alles mitverdient: Exporteure, Importeure, Verpacker, Gebietsleiter - eine schier endlose Liste. Wer diese Kette erheblich verkürzt, der kann Tee deutlich günstiger anbieten, das war sein erster Gedanke.

          „Beamte müssten eigentlich mehr gründen“

          Der zweite entsprang der Frage, warum Tee hierzulande in extrem kleinen Packungen angeboten wird. "Ich war Kaffeetrinker und an Großpackungen gewöhnt." Wenn Kaffee, der sein Aroma viel schneller verliert, in 500- Gramm-Einheiten verkauft wird, warum dann nicht der bis zu zwei, drei Jahre haltbare Tee im Kilopaket?

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