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Garri Kasparow : Hitzkopf auf allen Feldern

  • -Aktualisiert am

Schachkarriere geplant, in der Politik am improvisieren: Garri Kasparow Bild: picture-alliance/ dpa

Er hat im Schach alles gewonnen, was zu gewinnen war. Aber in der Politik hat Garri Kasparow seine letzte Schlacht noch nicht geschlagen. Auch auf diesem Spielfeld setzt er meistens voll auf Angriff.

          Es muss nicht immer die große Politik sein. An diesem Tag ist Garri Kasparow in das Moskauer „Haus der unabhängigen Presse“ gekommen, um gemeinsam mit Oppositionskollegen zu Spenden für ein Museum über Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetzeit aufzurufen. Seine Oppositionskollegen murmeln ihre Appelle in die Mikrofone. Erst als Kasparow, einst Schachweltmeister und jetzt Berufspolitiker, das Wort ergreift, kommt Leben in die Runde. Wie ein Maschinengewehr rattert er los, mit zornigem Blick und vorgerecktem Kinn. „Sogar die Millionäre in unserem Land haben Angst, für kritische Projekte zu spenden! Die Krise dieses Museums zeigt, wie es um unsere politische Kultur steht.“

          Wenn es um seine Überzeugung geht, macht Garri Kasparow keine halben Sachen. Sein ganzes Leben hat der Schachweltmeister aus Aserbaidschan gekämpft: gegen Menschen und gegen Computer, am Schachbrett wie in den Schachverbänden, in Fernsehstudios und auf Straßendemonstrationen. Im Schach hat er alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. In der Politik steht Kasparow noch am Anfang, und seine Chancen sind bescheiden.

          Heiße Diskussionen in der Küche

          „Ich war schon immer ein ,political animal‘“, sagt er nach der Pressekonferenz in Moskau, während er versucht, auf den harten Holzstühlen des Pressecenters eine halbwegs bequeme Position zu finden, immer im Blick seines bulligen, kurzgeschorenen Leibwächters. „Mein Opa war Kommunist, und mein Onkel war ein Kritiker des Sowjetregimes. In unserer Küche hing eine große Weltkarte, und es wurde immer heiß diskutiert.“

          Schachkarriere geplant, in der Politik am improvisieren: Garri Kasparow Bilderstrecke

          Mit fünf brachten seine Eltern dem kleinen Garri die Schachregeln bei, mit zehn ging er bei einem Schachweltmeister in die Lehre, mit zwölf wurde er sowjetischer Juniorenmeister, und 1980 wurde er mit 17 Jahren der jüngste Großmeister der Welt. Spätestens dann musste das Schach-Wunderkind entscheiden, wie es zum System der Sowjetunion und ihren Schach-Apparatschiks stand, die festlegten, wer gegen wen antreten durfte. „Mir war klar, ohne die Hilfe der Funktionäre würde ich nie aufsteigen.“ Bis 1990 war Kasparow Mitglied der Kommunistischen Partei.

          1984 begann er ein wahnwitziges Duell mit seinem größten Rivalen Anatolij Karpow, das nach 48 Runden und 300 Spielstunden vom Weltschachverband FIDE abgebrochen wurde – zum Schutz von Karpow, ist Kasparow noch heute überzeugt. Doch am November 1985 besiegte er Karpow und errang mit 22 Jahren den Weltmeistertitel. Fünf Jahre später stand Kasparow auch an der Spitze der Weltrangliste – seine „Elo-Zahl“, eine Punktzahl auf der Basis seiner Turnierteilnahmen und Siege, bleibt unübertroffen. „Kein anderer ist so bekannt, so charismatisch, so kreativ am Brett“, jubelte die Schachpresse.

          Der Angriffspieler scheitert an Deep Blue

          Kasparow spielte dynamischer als die Gegner und immer auf Angriff. Und der ganze Körper spielte mit: Er raufte sich die Haare, rollte mit den Augen und murmelte zu sich selbst. Nach Partien erlaubte er sich auch mal markige Sprüche über seinen Gegner. „Waleri Salow hat mit dem Läufer auf d4 geschlagen, das ist ein homosexueller Zug“, lästerte er 1999. „Ich habe das männliche e6 gespielt.“ Der Hitzkopf scheute keine Herausforderung. Als erster Sojwetbürger gab er dem „Playboy“ ein Interview, und mehrfach trat er gegen die neuesten Schachcomputer an. „Deep Thought“ konnte er 1989 noch bezwingen, doch an dem IBM-Modell „Deep Blue“ scheiterte er 1997. Drei Jahre später knöpfte ihm dann auch ein menschlicher Gegner, Wladimir Kramnik, seinen Weltmeistertitel ab – den hatte der Weltschachverband ihm offiziell schon Jahre vorher aberkannt, nach heftigen Querelen. „Heute ist das Kapitel Schach für mich abgeschlossen“, resümiert Kasparow. Zum Spaß spiele er manchmal noch im Internet.

          Nachdem er im Verband den Kampf gegen das System geprobt hatte, war Kasparow bereit für größere Gegner. 2004 gründete er mit russischen Oppositionellen das „Komitee 2008“, das eine Wiederwahl von Präsident Putin verhindern sollte, 2005 rief er die „Vereinigte Bürgerfront“ ins Leben und wurde kurz darauf ein führendes Mitglied im Oppositionsbündnis „Das andere Russland“. Für die zweite Karriere musste er neue Spielregeln lernen. „Meine Schach-Laufbahn habe ich so weit wie möglich geplant. Und ich konnte mein aggressives Naturell ausleben“, sagt er. In der Politik müsse er sich auf seine analytischen Fähigkeiten konzentrieren. „Ich bin sehr vorsichtig geworden. Auf diesem Spielfeld steht mein König immer ungeschützt.“

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