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Frieder Löhrer : Musikalischer Marken-Manager

  • -Aktualisiert am

Frieder Löhrer Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

Frieder Löhrer wäre fast Musiker geworden, doch er entschied sich für Maschinenbau. In seiner Vita als Manager hat er bekannte Marken gesammelt. Heute ist er Chef des fränkischen TV-Herstellers Loewe.

          Welcher Manager spricht schon davon, erste prägende Berufserfahrungen in einer „geschlossenen Anstalt“ gemacht zu haben? Frieder Löhrer, Vorstandsvorsitzender des oberfränkischen TV-Herstellers Loewe, scheut das nicht. Als Zivildienstleistender arbeitete er in der Psychiatrie - und profitiert heute noch davon, wie er sagt. Als Mensch, als Chef. Koketterie ist das nicht.

          Löhrers Großvater, ein Sozialdemokrat, der im Krieg Zwangsarbeiter während des Baus von U-Boot-Motoren zu beaufsichtigen hatte, lehrte ihn den Respekt vor allen Menschen. Das saß in Löhrers Kopf, erreichte aber erst dann seinen Verstand, als er im Zivildienst ohne Ausbildung 24 kranke Menschen acht Stunden am Tag zu betreuen hatte. Oft auf sich gestellt, experimentierte der junge Mann mit der Dosierung der Medikamente, damit die Patienten nicht dahindämmerten - „aus Verantwortung“, wie Löhrer sagt, der nach gängiger Methode an der Größe und Weite des Schriftbildes der Patienten ihren Zustand ablas. Zu ihrer Würde sollte auch mehr als ein Satz Wäsche pro Woche gehören. Er setzte sich damit durch. Doch den Patienten zu vermitteln, dass sie nicht nur freitags, sondern auch dienstags duschen sollten, dauerte länger. „Ich bin da mit Mitleid rangegangen“, erinnert sich der 53-Jährige, „das war ein Fehler. Mitleid bildet Stufen, das ist die kultivierte Form der Verachtung.“ Gerade deshalb: Mehr als 30 Jahre später sagt Löhrer einen Satz, wie man ihn aus sonntäglichen Managerreden kennt: „Menschen sind nicht einfach Kostenträger, sondern das höchste Investitionsgut eines Unternehmens.“ Ihm nimmt man das ab.

          Studium als angestellter Organist finanziert

          Das hat auch mit der Glaubwürdigkeit des Unternehmens zu tun, an dessen Spitze Löhrer seit einem Jahr steht. Als Flachbildschirme populär wurden, zögerten viele Kunden. 2003 halbierte sich der europäische Markt für Loewe. Aus einem zweistelligen Millionengewinn wurde ein ebensolcher Verlust. Zur Sanierung gehörte ein zehnprozentiger Gehaltsverzicht auf allen Ebenen - und das Versprechen, einen Teil des Geldes an die Mitarbeiter zurückzuzahlen, wenn es dem Unternehmen wieder bessergeht. Heute geht es Loewe besser. Die Mitarbeiter haben ihr Geld bekommen, großzügig verzinst.

          Es war nicht absehbar, dass Löhrer sich eines Tages als menschenfreundlicher Manager zitieren lassen würde. Eigentlich schien sein Leben auf eine Karriere als Musiker hinauszulaufen. „Mein Vater hat im Aachener Domchor gesungen, sein Vater hat im Aachener Domchor gesungen, ich habe im Aachener Domchor gesungen. Es gab also eine gewisse musikalische Tradition.“ Die Begeisterung haben sein Opa und der Lehrer Neuhaus in der zweiten Klasse geweckt. Opa redete manchmal vom Wunderkind Mozart. „Ich dachte: Mensch, wenn der das konnte . . .“ Da legt Löhrer eine Kunstpause ein, wartet die Lacher ab - und winkt ab. „Nein, nein, ich habe mir nur Notenpapier gekauft und begonnen, darauf zu kritzeln.“ Der Lehrer half, das Gekritzel zu systematisieren, und animierte Löhrer, ein Instrument zu lernen. Es wurden vier: Flöte, Klavier, Cello, später Orgel. Sein Studium finanzierte er als angestellter Organist in einer Kirchengemeinde.

          Der jugendliche Löhrer hatte Talent, seine Kompositionen wurden in der Anna-Kirche in Aachen aufgeführt - gemeinsam mit denen von Karlheinz Stockhausen. Dieses Enfant terrible der „Neuen Musik“, einer der eigensinnigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, wurde Löhrers Freund. Die Musik ist heute nur noch sein Hobby.

          „Am zweiten Abend habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht“

          Eine schwere Krankheit des Vaters veränderte Löhrers Leben. „Er überlebte durch die Herz-Lungen-Maschine, 1974, da stand ich kurz vor dem Abi. Mit meiner Musik konnte ich bei ihm nichts bewirken“, erklärt er seinen Richtungswandel als nahe liegenden Schritt. Als Junge schon hatte er diesen Traum vom Vermessungsingenieur. „Damals wurde in Aachen die Straße in Richtung Belgien ausgebaut, und die Männer waren für mich wie für andere die Lokomotivführer.“ Der Vater eines Freundes, Professor für Maschinenbau, ermunterte ihn, an die RWTH Aachen zu kommen. Löhrer wollte Maschinen bauen wie die, die seinen Vater am Leben hielten.

          Nach einem flotten Studium lernte er am Institut für Thermodynamik den Entwicklungsleiter von Thyssen kennen. Löhrer wurde sein Assistent, der Stahlmanager Helmut Borggrefe sein Mentor. Die Beziehung trägt bis heute. Es war eine günstige Lebensphase, um wichtige Menschen kennenzulernen. Seine Frau zum Beispiel. „Am zweiten Abend habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hat drei Jahre lang nein gesagt.“ 1986, als sie mit ihrem Ökotrophologie-Studium fertig war, sagte sie ja. In den ersten Jahren danach bekam das Paar drei Töchter. Aus einer früheren Beziehung stammt Löhrers Sohn. Der ist bald 30, arbeitet bei Porsche: Ingenieur, TH Aachen - hat im Aachener Domchor gesungen.

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