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Eve Ensler : Tabubrecherin aus Leidenschaft

Ein Büro in New York, ein Haus in Kongo: Frauenrechtlerin Eve Ensler lebt wie eine moderne Nomadin Bild: Wire Image/Getty Images

Das Theaterstück „Vagina-Monologe“ machte sie berühmt. Ob auf der Bühne oder in Krisengebieten - Eve Ensler kämpft für die Rechte von Frauen.

          Es kommt in Südafrika nicht oft vor, dass eine weiße Bühnenautorin Kulturinteressierte jeder Hautfarbe anzieht. Doch als die Amerikanerin Eve Ensler zum Premierengespräch ihres neuen Stücks „I am an Emotional Creature“ (Ich bin ein emotionales Wesen) ins Johannesburger Market Theatre einlädt, stehen ihre Fans Schlange. „Das ist doch die mit den Vagina-Monologen“, sagt eine junge schwarze Frau. Auf der Bühne witzelt Enslers Gesprächspartnerin, dass ihr Gast ja gar nicht aussehe wie eine Feministin. Sie trage schließlich sogar Lippenstift. Ob Feministin oder nicht – die 58 Jahre alte New Yorkerin Eve Ensler kämpft seit Jahren für eine Sache: das Recht von Frauen auf ein Leben ohne Gewalt, ohne Unterdrückung. Ein Leben, in dem es erlaubt ist, Gefühle zu zeigen und sich von Gefühlen leiten zu lassen. Ensler berichtet auf der Bühne von persönlichen Erfahrungen, von ihrem gewalttätigen Vater, von Begegnungen mit vergewaltigten und geschundenen Frauen. Zwischendurch wischt sie sich ein paar Tränen der Rührung weg. „Ich bin so emotional“, ruft sie den Zuschauern zu.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Ensler erlebte den Durchbruch als Künstlerin Mitte der neunziger Jahre mit den „Vagina-Monologen“, ihrem bisher mit Abstand erfolgreichstem Stück. Eine Zusammenstellung von Bekenntnissen von Frauen über Sex, Beziehungen und Gewalt. Erstmals wurde das Stück im Jahr 1996 am Here Arts Center in New York aufgeführt, einem Theater, das sich der Förderung junger, unbekannter Künstler verschrieben hat. Die Monologe sorgten für so viel Furore, dass sich bald auch Broadway-Theater dafür interessierten. Hollywood-Stars wie Whoopi Goldberg und Glenn Close übernahmen Rollen. Dieser Erfolg ermöglichte Ensler eine zweite Karriere fernab der Bühne. Sie gründete die Hilfsorganisation V-Day, die sich für die Rechte von Frauen auf der ganzen Welt einsetzt. Bis heute sammelte V-Day 85 Millionen Dollar ein. Daraus finanziert die Organisation unter anderem Frauenhäuser in Kongo, Haiti, Kenia, Ägypten und im Irak.

          Busse voller Teenager

          Das neue Stück von Eve Ensler befasst sich mit ähnlichen Themen wie die Vagina-Monologe. Diesmal aber geht es um jüngere Frauen und Mädchen. Da ist beispielsweise die Frau aus Kongo, die verschleppt, vergewaltigt, zwangsverheiratet und vom Ehemann als Sklavin gehalten wird. Oder das Mädchen, das nach einer aufgezwungenen Nasenoperation den Halt im Leben verliert. Die Berichte auf der Bühne verlangen den Zuschauern einiges ab. Gleichzeitig aber reißen die jungen Schauspielerinnen mit ihrer Energie das Publikum mit. Es wird viel getanzt, gesungen, gelacht. Eve Ensler könnte die Mutter der Darstellerinnen auf der Bühne sein. Tatsächlich hat sie bereits zwei Enkelkinder. Anzusehen ist ihr das nicht. Zum Gespräch in einem Johannesburger Hotel kommt sie in enger schwarzer Hose, dazu trägt sie eine Jacke im Leopardenmuster und ein knallbuntes Oberteil. Entspannt setzt sie sich auf das Sofa in der Lobby und fängt mit einer Engelsgeduld an, ihre hohen schwarzen Turnschuhe zu binden. Das hat etwas Mädchenhaftes. Womöglich passt es ins Bild einer hauptberuflichen Rebellin.

          Es sei bisher alles hervorragend gelaufen, erzählt sie, über die Schuhe gebeugt. Jeden Morgen werden Busse voller Teenager aus ganz Johannesburg zum Theater gebracht, um „I am an Emotional Creature“ zu sehen. „Jungen wie Mädchen waren begeistert. Die Lehrer sagten, dass sie das Stück im Lehrplan berücksichtigen wollen.“ Dass es darin sehr explizit um Sex und Gewalt geht, habe niemanden gestört. Fast wirkt sie etwas betrübt darüber. Ihr Erfolg beruht schließlich darauf, Tabus unverblümt anzusprechen. In einigen Ländern wurden die Vagina-Monologe verboten, das hat die Bekanntheit nur gesteigert. „Es geht mir nicht um Provokation. Ich schreibe nur auf, was ich vor mir sehe, was ich fühle“, rückt Eve Ensler den Eindruck zurecht. Auch hätten sich die Zeiten geändert. „Die Leute flippen heute nicht mehr aus, wenn sie ein Wort wie Vagina hören.“

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