https://www.faz.net/-gyl-16fe2

Doris Engelhard : Die Nonne und das liebe Bier

Ein halber Liter pro Tag muss schon sein: Schwester Doris schwört auf ihr eigenes Bier Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Für Bier hatte sie nie viel übrig, bis sie im Kloster Mallersdorf an den Braukessel berufen wurde. Heute gibt es für die Ordensschwester Doris Engelhard nichts Besseres.

          Die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel, in der Ferne zwitschern die Vögel, als sich eine süßlich-schwere Dampfwolke auf das Kloster Mallersdorf legt. Schwester Doris Engelhard hält inne, schnuppert kurz und sagt dann: „Riechen Sie es? Jetzt kocht es wieder.“ Es riecht nach Malz, „der typische Braugeruch“, wie die Klosternonne zufrieden ausruft. Entspannt sitzt sie im Hof und wartet darauf, dass im Sudkessel das Gebräu aus Hopfen, Malz und Wasser den zweiten Kochgang absolviert. Seit knapp 45 Jahren dreht sich ihr Leben fast ausschließlich um Bier und Gott. Ein normaler Tag beginnt für sie um halb sechs Uhr morgens mit dem Chorgebet, es sei denn, es ist „Sudtag“. Dann blubbern einmal in der Woche knapp 80 Hektoliter Gerstensaft – rund 800 Bierkästen – in einem mannshohen Metallgefäß vor sich hin, und das Chorgebet muss ohne sie stattfinden.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Seit halb vier Uhr morgens ist die Braumeisterin schon auf den Beinen, das bedeutet zehn Arbeitsstunden und noch gut zwei Stunden bis zum Dienstschluss. Doch von Müdigkeit und Erschöpfung keine Spur. „Der Sudtag ist keine Knochenarbeit mehr, da hat sich viel geändert“, sagt sie in die Stille des Klosterlebens hinein, ihre nackten Füße wippen in den schwarzen Schlappen. Ohnehin scheint Schwester Doris ihren Arbeitsplatz eher als Luftkurort zu begreifen: „Der Geruch ist phantastisch, weil er so stimmig ist“, schwärmt sie in einem unverwechselbaren fränkischen Dialekt. „Es gibt nichts Besseres.“ Und um jeden Zweifel vorwegzunehmen, räumt sie ein: „Das wusste ich in meiner Lehrzeit noch nicht. Man muss sich an viel gewöhnen.“

          Fühe Fügung, späte Leidenschaft

          Ihre Geschichte ist eine von Anpassung und Genügsamkeit, von früher Fügung und später Leidenschaft. Damals, rund 45 Jahre ist das schon her, fand sie den Geruch schlicht unangenehm, auch Bier mochte sie nicht besonders. In ihrer Heimatregion Franken ist der Most verbreitet. Schwester Doris wäre wohl nie im Traum darauf gekommen, den Beruf einer Braumeisterin zu wählen, wäre es nicht irgendwie Gottes Wille gewesen. Früh schon hatte sie den Wunsch gehabt, ins Kloster zu gehen. Ihre Mutter war sehr religiös, auch ihr Vater war ein überzeugter Katholik. Als jüngste von insgesamt sieben Geschwistern hat sie früher immer eine ambulante Krankenschwester aus dem Kloster Mallersdorf beobachtet, wie sie ihre kranke Mutter pflegte. „Die hat mich sehr beeindruckt“, sagt sie.

          Als sie nach Mallersdorf ins Internat geht, ist ihre Zukunft besiegelt. Mit 16 Jahren beendet sie die Realschule und beschließt, dem Kloster beizutreten, in dem die Schwestern als „Ordensgemeinschaft Armer Franziskanerinnen von der Heiligen Familie zu Mallersdorf“ leben. Eigentlich will sie in die Landwirtschaft, doch im Kloster braucht man jemanden für die Brauerei. Kurzerhand wird sie zu Schwester Lisana geschickt, eine ehemalige Krankenschwester in Rumänien von stämmiger Statur, die die Bewerberin von oben bis unten mustert. „Sie hat mich angeschaut wie ein Bauer einen Ochsen“, sagt Schwester Doris, ihr Lachen klingt voll und dunkel. „Und dann hat sie mich anscheinend für würdig befunden.“

          „Bier macht schlank - man darf nur nichts essen“

          Nicht besonders groß ist die Nonne, dafür aber von kräftiger, zupackender Art. Sie verströmt einen rustikalen, gemütlichen Charme, ebenso handfest und gradlinig sind auch ihre alltagstauglichen Bierweisheiten, die sie ganz nebenbei einflicht: „Bier macht schlank“, sagt sie, selbst etwas rundlicher geraten. Das weiß sie natürlich, deshalb schränkt sie ein: „Man darf nur nichts essen.“ Für Frauen seien dreiviertel Liter am Tag gesund, findet Schwester Doris, für Männer eineinhalb Liter. Sie selbst bleibt nur unwesentlich unter diesem Limit: Pro Abend trinkt sie einen halben Liter ihres selbstgebrauten Bieres, auch das Fasten übersteht sie nur mit ihrem geliebten Gerstensaft.

          Ärgerlich, geradezu nachdrücklich wird sie, wenn Kunden nörgeln, dass ihr Bier so schnell schlecht wird: „Heutzutage soll alles gesund sein, aber ewig halten“, rügt sie. „Bier ist ein Frischeprodukt.“ Wer in sechs Wochen keinen Kasten Bier trinkt, der müsse eben Einzelflaschen kaufen. „Wenn man Bier zu lange behandelt, dann verändert es den Geschmack. Dann hat man Einheitsbiere.“ In München schmecke alles jedenfalls ziemlich gleich – nicht so wie im idyllischen Mallersdorf, wo noch die Gerste und das Wasser den Geschmack des Bieres bestimmen.

          Weitere Themen

          Schaffen Sie diese Mathe-Aufgaben? Video-Seite öffnen

          Knobel-Quiz : Schaffen Sie diese Mathe-Aufgaben?

          Wie war das nochmal mit der Prozentrechnung? Oder mit logischen Schlüssen? Diese Aufgaben aus dem Mathe-Wettbewerb „Känguru“ sind eigentlich für Schüler zwischen den Klassen 7 und 13. Hätten Sie sie gekonnt?

          Überraschend schräg

          Winona/Minnesota : Überraschend schräg

          Die kleine Ortschaft Winona war nur ein Zwischenstopp auf einer Reise durch Minnesota – aber was für einer! Von der Begegnung mit Kunstsammlern, Biertrinkern, Kanuverleihern und anderen Exzentrikern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.