https://www.faz.net/-gyl-z4ha

Daniel Koerfer : Historiker mit Hochhaus

Ein Mann mit Doppelleben: Daniel Koerfer pendelt zwischen Berlin und Köln. Bild: F.A.Z. / Andreas Pein

Geschichtsprofessor und Immobilienunternehmer - dieser Spagat gefällt Daniel Koerfer. Und dennoch denkt er immer öfter ans Auswandern.

          Die Geschicke der Koerfers sind eng mit dem Hansahochhaus in Köln verbunden. Erst war es der Stolz der Familie, dann fast ihr Ruin, heute ist es ein wichtiger Bestandteil ihres Vermögens. Zur Fertigstellung des Hochhauses im Jahr 1925 war es mit 65 Meter Höhe das höchste Haus Europas. Für den Architekten und Bauunternehmer Jakob Koerfer erwies es sich aber als gefährliche Last. Er fand keine Mieter in der Wirtschaftskrise. „Damals hat der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer geholfen“, erzählt Daniel Koerfer, der Enkel des Bauherrn. Die Stadt stundete den Kaufpreis für das Grundstück, das Unternehmen überstand so den Liquiditätsengpass.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Heute, sagt Koerfer, habe es den Anschein, als wolle der Staat mittelständische Unternehmer nicht fördern, sondern erdrosseln. Koerfer lacht zwar oft, doch jetzt ist es ein bitteres, verächtliches Lachen. Als Unternehmer fühlt er sich erdrückt von Auflagen und Abgaben. „Der Staat spielt foul, er verdient kein Geld und geht sehr locker mit dem Geld der Bürger um.“ Der jüngst wegen zu hoher Verschuldung gestoppte Haushalt in Nordrhein-Westfalen ist für Koerfer ein abschreckendes Beispiel. Früher wäre ein Finanzminister in so einem Fall zurückgetreten, heute mache er einfach weiter.

          Das Kölner Hochhaus, nahe an der Altstadt gelegen, war in den zwanziger Jahren eine architektonische Sensation. Einer der ersten Stahlskelettbauten in Deutschland, äußerlich mit roten Klinkern verkleidet, 17 Stockwerke hoch. Die Fassade zieren seltsame expressionistische Skulpturen und Fratzen. Unten ist heute ein Hotel eingerichtet, im 11. Stock hat die Koerfersche Verwaltungsgesellschaft ihren Sitz. Wer hinauf will, kann einen modernen Lift benutzen oder gut zwei Minuten im alten Paternoster fahren. Langsam kommt er in eine andere Welt jenseits der Hektik der Stadt. In den Büros mit Blick auf den Kölner Dom herrscht vornehme Ruhe, alles ist von zurückhaltender Eleganz.

          140 000 Quadratmeter Fläche

          Daniel Koerfer, 55 Jahre alt, ist der Sprecher der Gesellschafter. Dank Zukäufen und Neubauten besitzt das Unternehmen heute Gewerbeimmobilien mit etwa 140 000 Quadratmetern Fläche im Rheinland und im Ruhrgebiet. Rund 30 Mitarbeiter beschäftigt es, vom Hausmeister bis zum Geschäftsführer. In die Rolle des Unternehmers ist Daniel Koerfer eher unerwartet gerutscht. Sein früheres Interesse galt der Wissenschaft, der Geschichte. „Ich führe ein Doppelleben“, sagt er lachend. Zum einen lehrt er als Professor für Zeitgeschichte an der Universität Berlin, zum anderen ist er Immobilienmanager. Beide Sichtweisen – die des Historikers und die des Unternehmers – befruchten sich gegenseitig.

          An der Wand seines Kölner Büros hängt ein Porträtfoto des Großvaters Jakob Koerfer. Dessen Bauten – das Kölner Hansahochhaus und der Schwerthof sowie das Deutschlandhaus in Essen – legten den Grundstein für ein bedeutendes Immobilienvermögen. 1930, in der Großen Depression, geriet das Unternehmen aber finanziell an den Abgrund, der Gründer verstarb voller Kummer. Mit Müh und Not konnte sein Sohn Jacques das Unternehmen stabilisieren. Später erwies er sich als vielseitiger Geschäftsmann. Er gründete eine Filmproduktion, übernahm eine Zigarettenfabrik und zog zu seiner zweiten Frau in die Schweiz. In der Nachkriegszeit wurde Jacques Koerfer als Industrieller, Finanzmann und Kunstsammler bekannt. Zugleich war er berüchtigt für seine Strenge. „Er war ein diktatorischer Vater“, so sagt sein Sohn heute.

          Insgesamt zehn Kinder hatten die Eltern. 1955 kamen Drillinge, der mittlere von ihnen ist Daniel Koerfer. Er wuchs bis zum Alter von 13 Jahren in der Schweiz auf, 1968 schickten die Eltern ihn und einen Bruder nach Deutschland an die Odenwaldschule. Die galt damals als renommierte Reformschule. Die Koerfers blieb dort bis zum Abitur. „Für uns Kinder war es eigentlich ein Ort der Befreiung“, sagt Koerfer. Doch der Ort hatte eine dunkle Seite: den sexuellen Missbrauch vieler Jungen durch den Schulleiter Gerold Becker. „Es war ein Paradies, aber im Paradies gibt es auch Schlangen“, sagt Koerfer heute. Ihren Eltern gegenüber schwiegen die Kinder. Viele Schüler leiden bis heute unter den Bissen der Schlangen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufstand in Frankreich : Die gelbe Gefahr

          Der Aufstand der „Gelbwesten“ hat seine Unschuld verloren. Er bildet die sehr französische Variante einer stillen völkischen Revolution, die ganz Europa erfasst hat. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.