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Clemens Meyer : Ein Arbeiter im Literaturbetrieb

Clemens Meyer hat früh Autogramme geübt Bild: Andreas Pein

Erst schuftete er auf dem Bau, später lebte er von Sozialhilfe. Jetzt stehen seine Bücher in jeder Buchhandlung. Clemens Meyer ist ein Schriftsteller, der nie den geraden Weg gegangen ist.

          Es ist nicht ganz einfach, den Weg zu Clemens Meyer zu finden, es gibt kaum Hausnummern in Anger-Crottendorf. Viele Häuser in dem Viertel im Osten von Leipzig sind verfallen, die Fensterscheiben zerbrochen, die Türen zugemauert oder mit Sperrholzplatten vernagelt. Kaum jemand ist auf den Straßen unterwegs. Von einer Tankstelle wummern die Bässe einer Stereoanlage in die Leere. Dieses Leipzig ist anders als die schmuck sanierte Innenstadt, durch die sich die Touristen schieben. In diesem Leipzig ist Clemens Meyer aufgewachsen, hier schreibt er seine Bücher.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ein Haus an der Durchgangsstraße, Hochparterre, niedrige Decken. „Es war immer Teil meines Plans, Schriftsteller zu werden“, sagt Meyer, während draußen die Lastwagen vorbeidonnern. Seine Stimme ist rauh, klingt nach vielen gerauchten Zigaretten. Auf den ersten Blick passen der Satz und Meyer nicht zusammen. Clemens Meyer, 33 Jahre alt, sieht nicht aus wie einer, der einen Plan hat vom Leben. Großflächig tätowiert, bis vor kurzem Herr eines stattlichen Dobermann-Rottweiler-Mischlings. Als er vor zwei Jahren den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, schwenkte er freudestrahlend eine Bierflasche in die Kameras. Das erste Kapitel seines neuen Buchs endet mit dem Satz „Ich bin noch da, ihr Schweine!“

          Die unideologische Ameise Pontifax

          Er eckt an im deutschen Literaturbetrieb. Mit Anger-Crottendorf, mit seiner Erscheinung, mit dem, was er schreibt. Seine Erzählungen handeln von Jugendlichen, die ihre Zeit mit Autoknackereien und Drogen totschlagen. Von einem Mann, der auf einer Rennbahn sein letztes Geld verwettet, um für seinen Hund eine Operation zahlen zu können. Es geht um den Traum von einem besseren Leben, einem mit Perspektiven. „Unterschicht-Kasperletheater“ hat eine Kritikerin das mal genannt. Meyer ärgert das noch heute. „Faulkner hat sein ganzes Leben über die Südstaaten geschrieben. Hat das irgendwen gestört?“ Wenn er sich erregt, sächselt er noch mehr als sonst.

          Der Durchbruch auf der Leipziger Buchmesse 2008

          Immer wieder wird er gefragt, wie viel von seinem eigenen Leben in seinen Geschichten steckt. Auch das ärgert ihn. Es war sein Vater, der Meyer für die Literatur begeisterte. Ein Krankenpfleger, der seinen Lohn für Bücher ausgab. Mit neun Jahren fing Meyer an, sich selbst Geschichten auszudenken. Die zweite, „Die Ameise Pontifax“, trug er auf einem Talentwettbewerb vor. Sie erhielt das Prädikat „sehr gut“. „Für ein ,ausgezeichnet‘ war die Ameise zu unideologisch“, sagt Meyer.

          Bingo-Mekka und Influenzen

          Dann begann das, was er die „Irrungen und Wirrungen“ seines Lebens nennt: Zweimal saß er im Jugendknast. Nach dem Abitur ging er nicht auf die Universität, sondern auf den Bau. Er hatte genug von Unterricht, wollte Steine schleppen. „Man ging an seine Grenzen.“ Meyer sagt oft „man“, wenn er über sich spricht. Tagsüber schuftete er, abends ging er in seinen staubigen Klamotten ins Antiquariat. Stöberte in alten Hemingway-Ausgaben. Schrieb. „Man hielt das damals für toll. War es natürlich nicht. Mit zwanzig kann man noch keine gute Literatur schreiben.“

          Seine Anregungen holt sich Meyer auf der Straße. Er recherchiert wenig, beobachtet viel. Meist ist er mit einem kleinen Diktiergerät unterwegs, mit dem er Wörter festhält, die ihm auffallen. „Bingo-Mekka“ zum Beispiel. Aus Zeitungen reißt er Meldungen aus. „Influenzen“ nennt er diese Schnipsel. „Sich den Influenzen hingeben.“ Er mischt gerne solche Ausdrücke in seinen Redefluss, sie stechen aus der sonst schnörkellosen Sprache heraus. „Stimulanzien“ ist noch so ein Wort. Wenn er sagt, dass er Drogen ablehnt. „Ich habe genug Stimulanzien in mir.“

          Auf dem Bau bis der Rücken streikt

          Erst als sein Rücken kaputt war, schickte Meyer seine Texte an das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, jene Hochschule, die als Königsweg in die deutsche Literaturszene gilt. „Ich war felsenfest überzeugt, dass sie mich nehmen müssten.“ Sie nahmen ihn. Das Studium finanzierte er sich, indem er nachts als Wachmann arbeitete. In dieser Zeit entstanden die ersten Zeilen für seinen ersten Roman. Die Kladde liegt jetzt auf Meyers Schreibtisch, als Talisman. Bis zur Hälfte vollgeschrieben, mal mit spitzem, mal mit stumpf gewordenem Bleistift. Auf dem Deckel das Foto eines Boxkampfs. Clemens Meyer zeigt das Buch gerne. „Vorarbeiten“ nennt er es, „nein, Vorstudien, das klingt besser.“ Auch heute schreibt er die meisten Geschichten nachts. In der vergangenen Nacht war es das Nachwort zu einer Anthologie, begleitet von einer Flasche Rotwein. Meyer will das ändern. Weniger Nachtarbeit, weniger Alkohol, weniger Zigaretten. „Es verbrennt mich. Wenn man betrunken ist, schreibt man keine guten Bücher.“

          In den Seminaren am Literaturinstitut reichte er kaum Texte von sich ein. „Man wollte sich nicht angreifbar machen.“ Meyer lernte lieber durch das Besprechen anderer Texte. Noch immer ist er ein Nervenwrack, wenn er seiner Literaturagentin ein Manuskript geschickt hat und auf ihr Urteil wartet. Als er das Studium abschloss, waren 170 Seiten des Romans fertig. 170 von mehr als 500. Wieder schlug sich Meyer mit Jobs durch.

          Nach dem Diplom nachts Züge gesäubert

          „Mann, ging’s mir dreckig. Ich hatte ein Diplom und hab nachts Züge sauber gemacht.“ In einer dieser Nächte beschloss er, Sozialhilfe zu beantragen, „ein bisschen auf Staat zu machen“, um sich auf die Literatur konzentrieren zu können. „Schreiben ist wichtiger als alles andere. Wenn es fließt, ist es schön. Dann schreibe ich wie im Tunnel.“ In solchen Phasen geht er in Deckung. Geht nicht ans Telefon, nicht an die Tür, schmeißt die Post in den Müll. Auch die von der Bank. „Das erste Buch hat mich zwei Konten gekostet. Einmal Schufa, immer Schufa.“ Wie oft ihm der Strom abgedreht wurde, hat er nicht gezählt. Als der Roman vollendet war, ging Meyer erst einmal mit einer Flasche Schnaps ins Kino.

          Kein Verlag wollte ihn. Wochen vergingen, mal mit freundlichen Absagen, mal ganz ohne Antwort. Meyer gab die Hoffnung nicht auf. Er übte Autogramme, interviewte sich selbst. Überlegte, wie bestimmte Sätze wohl in englischer Übersetzung klingen würden. Er tröstete sich damit, dass auch Hemingway, Thomas Mann und J.D. Salinger erst spät veröffentlicht hatten, mit Ende zwanzig. Auf einer Theologenparty – „da war ich, weil’s Bier für einen Euro gab“ – riet ihm ein Freund, das Manuskript an Sten Nadolny zu schicken. Schriftsteller, ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, einer der Dozenten am Literaturinstitut. Einer, mit dem sich Meyer verstanden hatte. Wieder vergingen Wochen, dann kam Nadolnys Brief. Der Wendepunkt. Nadolny war begeistert.

          Der Durchbruch kam in Leipzig

          Daraufhin ging alles ganz schnell. Nadolnys Literaturagentin wurde auch Meyers Literaturagentin. Sie überzeugte ihn, eine Frauen-Rolle aus dem Manuskript zu streichen, dann verkaufte sie es dem Fischer-Verlag. Im Frühjahr 2006 erschien der Roman und wurde gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Überraschungserfolg des Jahres, jubelten die Feuilletons. Bekommen hat Meyer den Preis nicht, aber zwei Jahre später, für sein zweites Buch, die Erzählungen „Die Nacht, die Lichter“. Inzwischen gibt es schon das dritte Buch, ein Tagebuch. „Gewalten“. Meyer bleibt sich treu.

          Drei Bücher. Den Strom hat ihm in letzter Zeit niemand mehr abgedreht. Meyer ist jetzt bekannt, kann vom Schreiben leben, von der Umsatzbeteiligung, von Stipendien, von den Honoraren für Lesungen. Reich ist er nicht. Gerade haben Kriminelle sein Bankkonto geplündert, fast 2000 Euro abgezapft. „Das sind vier Lesungen!“ Sein Traum? „Eine Datscha im Grünen, das wär schön.“ 20 000 Euro würde das kosten, er hat schon mal die Immobilienanzeigen durchgeschaut. Nach Berlin will er nicht. Bloß nicht dorthin, wo alle Schriftsteller sind. Er braucht die Einsamkeit. Das halb leerstehende Haus, in dem er wohnt, mit dem Hof, in dem sein Hund Piet begraben ist. Piet, mit dem er damals als Wachmann auf Streife gegangen ist. „Man will seine Ruhe haben“, sagt Meyer, während draußen mal wieder ein viel zu schneller Lastwagen über den Asphalt dröhnt.

          Œuvre mit 33

          „Es entscheidet sich am Schreibtisch“, sagt Meyer. „Können setzt sich durch, auch wenn es manchmal lange dauert.“ Er gibt sich keine Mühe, bescheiden zu wirken. „Na und? Wenn ich nicht so selbstbewusst wäre, hätte es nicht geklappt.“ In Buchhandlungen baut er die Auslagen um, damit seine Bücher in der ersten Reihe stehen. Vor einigen Jahren sagte er mal, er wolle die Nummer eins der deutschen Literatur werden. Heute bezeichnet er sich zwar nicht als die Nummer eins. Aber zur Spitzengruppe, da zähle er sich schon dazu. „Ich bin jetzt 33, ich hab jetzt ein Œuvre. Falls ich nicht bald tot bin, kann ich’s noch zu was bringen.“

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