https://www.faz.net/-gyl-16fjt

Clemens Meyer : Ein Arbeiter im Literaturbetrieb

In den Seminaren am Literaturinstitut reichte er kaum Texte von sich ein. „Man wollte sich nicht angreifbar machen.“ Meyer lernte lieber durch das Besprechen anderer Texte. Noch immer ist er ein Nervenwrack, wenn er seiner Literaturagentin ein Manuskript geschickt hat und auf ihr Urteil wartet. Als er das Studium abschloss, waren 170 Seiten des Romans fertig. 170 von mehr als 500. Wieder schlug sich Meyer mit Jobs durch.

Nach dem Diplom nachts Züge gesäubert

„Mann, ging’s mir dreckig. Ich hatte ein Diplom und hab nachts Züge sauber gemacht.“ In einer dieser Nächte beschloss er, Sozialhilfe zu beantragen, „ein bisschen auf Staat zu machen“, um sich auf die Literatur konzentrieren zu können. „Schreiben ist wichtiger als alles andere. Wenn es fließt, ist es schön. Dann schreibe ich wie im Tunnel.“ In solchen Phasen geht er in Deckung. Geht nicht ans Telefon, nicht an die Tür, schmeißt die Post in den Müll. Auch die von der Bank. „Das erste Buch hat mich zwei Konten gekostet. Einmal Schufa, immer Schufa.“ Wie oft ihm der Strom abgedreht wurde, hat er nicht gezählt. Als der Roman vollendet war, ging Meyer erst einmal mit einer Flasche Schnaps ins Kino.

Kein Verlag wollte ihn. Wochen vergingen, mal mit freundlichen Absagen, mal ganz ohne Antwort. Meyer gab die Hoffnung nicht auf. Er übte Autogramme, interviewte sich selbst. Überlegte, wie bestimmte Sätze wohl in englischer Übersetzung klingen würden. Er tröstete sich damit, dass auch Hemingway, Thomas Mann und J.D. Salinger erst spät veröffentlicht hatten, mit Ende zwanzig. Auf einer Theologenparty – „da war ich, weil’s Bier für einen Euro gab“ – riet ihm ein Freund, das Manuskript an Sten Nadolny zu schicken. Schriftsteller, ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, einer der Dozenten am Literaturinstitut. Einer, mit dem sich Meyer verstanden hatte. Wieder vergingen Wochen, dann kam Nadolnys Brief. Der Wendepunkt. Nadolny war begeistert.

Der Durchbruch kam in Leipzig

Daraufhin ging alles ganz schnell. Nadolnys Literaturagentin wurde auch Meyers Literaturagentin. Sie überzeugte ihn, eine Frauen-Rolle aus dem Manuskript zu streichen, dann verkaufte sie es dem Fischer-Verlag. Im Frühjahr 2006 erschien der Roman und wurde gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Überraschungserfolg des Jahres, jubelten die Feuilletons. Bekommen hat Meyer den Preis nicht, aber zwei Jahre später, für sein zweites Buch, die Erzählungen „Die Nacht, die Lichter“. Inzwischen gibt es schon das dritte Buch, ein Tagebuch. „Gewalten“. Meyer bleibt sich treu.

Drei Bücher. Den Strom hat ihm in letzter Zeit niemand mehr abgedreht. Meyer ist jetzt bekannt, kann vom Schreiben leben, von der Umsatzbeteiligung, von Stipendien, von den Honoraren für Lesungen. Reich ist er nicht. Gerade haben Kriminelle sein Bankkonto geplündert, fast 2000 Euro abgezapft. „Das sind vier Lesungen!“ Sein Traum? „Eine Datscha im Grünen, das wär schön.“ 20 000 Euro würde das kosten, er hat schon mal die Immobilienanzeigen durchgeschaut. Nach Berlin will er nicht. Bloß nicht dorthin, wo alle Schriftsteller sind. Er braucht die Einsamkeit. Das halb leerstehende Haus, in dem er wohnt, mit dem Hof, in dem sein Hund Piet begraben ist. Piet, mit dem er damals als Wachmann auf Streife gegangen ist. „Man will seine Ruhe haben“, sagt Meyer, während draußen mal wieder ein viel zu schneller Lastwagen über den Asphalt dröhnt.

Œuvre mit 33

„Es entscheidet sich am Schreibtisch“, sagt Meyer. „Können setzt sich durch, auch wenn es manchmal lange dauert.“ Er gibt sich keine Mühe, bescheiden zu wirken. „Na und? Wenn ich nicht so selbstbewusst wäre, hätte es nicht geklappt.“ In Buchhandlungen baut er die Auslagen um, damit seine Bücher in der ersten Reihe stehen. Vor einigen Jahren sagte er mal, er wolle die Nummer eins der deutschen Literatur werden. Heute bezeichnet er sich zwar nicht als die Nummer eins. Aber zur Spitzengruppe, da zähle er sich schon dazu. „Ich bin jetzt 33, ich hab jetzt ein Œuvre. Falls ich nicht bald tot bin, kann ich’s noch zu was bringen.“

Weitere Themen

Heimat als Schicksal, Heimat als Wahl

Estnische Romane auf Deutsch : Heimat als Schicksal, Heimat als Wahl

Selten werden Romane aus dem Estnischen ins Deutsche übersetzt. Nun liegen „Schattenspiel“ von Viivi Luik und „Die Nacht der Seelen“ von Karl Ristikivi in exzellenter Übertragung vor – zwei Romane, die sich mit der Freude der Fremde und der Last des Exils befassen.

Topmeldungen

Kamala Harris, Präsidentschaftsbewerberin der Demokraten

Kamala Harris im Wahlkampf : Selfies mit dem K-Hive

Kamala Harris, Präsidentschaftsbewerberin der Demokraten, sammelt Spenden in New York. Politisch landet sie mal links und mal in der Mitte – und setzt auf die vielen unentschlossenen Wähler.

TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.